31 Tage am Stück laufen. Tag für Tag wieder in die Laufklamotten und raus auf die Laufstrecke. Wie funktioniert das? Und was macht das mit mir, meinem Körper und meinen Gewohnheiten? Erfahrungen, Erkenntnisse und Tipps aus 31 Tagen Streakrunning.

Ich bin das lebende Klischee. Und ich stehe dazu. Pünktlich zum 31. Dezember habe ich meine Vorsätze für das neue Jahr säuberlich aufgelistet und pünktlich fange ich am 1. Januar motiviert mit der Umsetzung an. Genauso pünktlich schmeisse ich die guten neuen Angewohnheiten spätestens am 7. Januar über Bord. Und um noch etwas mehr den Stereotyp zu bedienen: natürlich ist das Grundthema der meisten meiner Vorsätze Sport und Ernährung, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen. Dieses Jahr sollte alles anders werden: statt Myriaden von Vorsätzen nahm ich mir nur eine einzige Sache vor. Und die wollte ich auch nicht über das gesamte Jahr durchziehen, sondern nur einen Monat lang – und zwar gleich im ersten des Jahres. „Run every day in January“, so simpel und gleichzeitig so furchterregend lautete die Vorgabe der RED January Aktion. Dabei steht die Abkürzung „RED“ für „Run Every Day.“

RED January: jeden Tag im Januar laufen

Jeden  Tag laufen – wer macht denn sowas überhaupt? Wie sich herausstellt, gar nicht mal so wenige Menschen. Streak Running nennt sich so etwas und den aktuellen Rekord darin hält der ehemalige britische Langstreckenläufer Ron Hill, der 52 Jahre und 39 Tage am Stück gelaufen ist. Seine Laufserie endete am 29. Januar 2017, nachdem er nach anhaltenden Herzschmerzen entschied, auf seinen Körper zu hören. Ron Hill feiert dieses Jahr seinen 81. Geburtstag und zu seinen Ehren gibt es jedes Jahr im Januar den Ron-Hill-Lauf im Volkspark Friedrichshain.

Ich könnte jetzt also sofort ohne irgendeinen Hintergrund loslegen und von nun an jeden Tag laufen gehen. Aber ich bin und bleibe halt ein „Eventi“: ich mag besondere Aktionen, Challenges, Wettbewerbe. Und deshalb kommt mir der RED January ziemlich gelegen. Zudem hat das Ganze noch eine weitere Komponente: der RED January soll auf die psychische Gesundheit aufmerksam machen.

31 Tage am Stück laufen – es geht los

Traditionell startet das neue Jahr bei mir sowieso immer mit einem Lauf – dem Neujahrslauf am Brandenburger Tor in Berlin. Und da ich sowieso kein großer Silvesterfan bin, stehe ich am 1. Januar gut ausgeruht und bester Laune am Brandenburger Tor, gemeinsam mit Freunden und über 4.000 anderen Motivierten.

Das Runner’s High ereilt einen normalerweise erst ab einer gewissen Strecke, wenn man im Flow ist und die Endorphine eine kleine Party im Gehirn veranstalten. Beim Neujahrslauf habe ich dieses Hochgefühl ab der allerersten Minute. Das Jahr ist noch so frisch und unangetastet und wenn es bereits mit einem Lauf losgeht, dann kann das nur ein Jahr voller sportlicher Höchstleistungen werden. So zumindest denke ich jedes Jahr am 1. Januar wider besseren Wissens.

An Tag zwei, drei und vier geht es so weiter. Jeden Tag nur eine einzige Meile zu laufen, ist wirklich kein Problem. Selbst wenn du wirklich keine Lust zum Laufen hast (die hab ich da aber noch, voll und ganz) sind es eben gerade mal zehn Minuten, die die umhertraben musst, um hinterher dein Kreuzchen auf dem January-Streak-Kalender zu machen.

14 Tage Streakrunning: ungebremste Motivation

In der zweiten Woche hält die Motivation an. Es fühlt sich so gut an, der Welt da draußen (na gut, meinen knapp 1.000 Followern auf Instagram) zu zeigen: ja, ich bin dabei und sogar gut dabei. Denn obwohl ich ja nur eine Meile laufen muss, werden es meistens mehr. Einmal muss ich morgens ganz früh aus dem Haus und nehme den letzten Bus kurz vor Mitternacht nach Hause. Ich sitze im Bus und denke, dass das jetzt, in der Mitte des Monats, ein vorzeitiges Ende meiner Laufserie kommen könnte. Denn wenn eine Streak unterbrochen ist, dann ist sie vorbei. Klar kann ich am Tag danach weiterlaufen, aber es ist dann eben kein wirkliches Streakrunning mehr. Während sich meine Gedanken noch kreisen, sind meine Finger schneller – ich drücke, zwei Stationen vor meiner Haltestelle, auf den „Halten-“ Knopf. In Straßenkleidung und mit einem umherschlenkernden Rucksack jogge ich nach Hause. Mission completed: 1.8000 Meter sind es bis zu meiner Haustüre und somit sogar mehr als die erforderliche Meile.

Die dritte Laufwoche: Lauffreude auf Mallorca

Woche 3: Ich bin auf Mallorca und helfe dort einem Freund ein wenig mit seiner Website und seiner Büroorganisation. Er wohnt zwei Minuten vom Strand entfernt und während in Berlin der nasskalte Winter regiert, jogge ich jeden Morgen an der Playa de Palma entlang. Vielleicht sollte ich auch nach Mallorca auswandern? Für meine Laufkarriere wäre das auf jeden Fall förderlich, selten laufe ich so leicht und glücklich wie hier.

Highlight in Woche 4: ein Parkrun in Edinburgh

In der vierte Woche geht’s schon wieder weiter, diesmal nach Edinburgh, wo ich mir einen langgehegten Wunsch erfülle: zum Geburtstag habe ich mir die Teilnahme an einem Burns Supper geschenkt. Das ist sowas wie der inoffizielle Nationalfeiertag in Schottland und ich will das erleben, seitdem ich davon erfahren habe. Das schottische Wetter ist wie erwartet: Regen in Edinburgh, und zwar jeden Tag. Am Anreisetag reiße ich mehr schlecht als recht meine Meile ab, es wird auch tatsächlich kein einziger Schritt mehr. Am darauffolgenden Samstag bin ich zum Glück mit meinem Laufbuddy Foxy zum Parkrun verabredet. Etwas außerhalb des Zentrums von Edinburgh führt der Lauf an Promenade von Portobello entlang. Es regnet leicht, meine Beine sind schwer – dennoch könnte ich glücklicher nicht sein. Es ist der 26. Tag meiner Laufchallenge und ich bin immer noch dabei.

Den Muskeln und Knochen geht es dabei überraschend gut. An ein, zwei Tage habe ich Angst, dass sich die Shin Splints wieder melden, weil sich das erhöhte Laufpensum an meinem linken Schienbein bemerkbar macht. Mittlerweile weiß ich aber, wie ich da frühzeitig gegensteuern kann: ein bisschen quälen auf der Blackroll und eine Übung, bei der man wie im Entengang hin- und herwatschelt. Sieht bescheuert aus, funktoniert aber.

Tag 28: der Einbruch

Wäre der Januar ein normaler Monat, müsste ich nur noch ein klitzeklein wenig durchhalten und könnte voller Stolz sagen, dass ich einen ganzen Monat lang am Stück gelaufen bin. Leider ist aber ausgerechnet dieser Januar gefühlt 60 Tage lang. Es ist kalt und grau als ich nach Berlin zurückkomme, ich leider unter akutem Schottlandweh und bin matschig und unmotiviert. Es kommt, wie es kommen muss: nach einem Tag zurück in der Realität und einem typisch uninspirierten Montag lasse ich die Laufschuhe im Regal stehen. Nichts vermag mich auf die Laufstrecke führen: weder der Gedanke, dass es gerade Mal zehn Minuten sein müssen noch die Aussicht auf meine schlechte Laune am Tag danach, wenn ich realisiert habe, dass mal wieder die Bequemlichkeit gesiegt habe. Es ist Tag 28 und meine Laufserie ist unterbrochen.

Warum am Tag 29 laufen wenn jetzt eh schon alles kaputt ist? Eben, lohnt sich ja eh nicht. Morgens spät rausgekommen und abends ist es einfach zu gemütlich auf der Couch mit Netflix und Nusschokolade. Und was macht das Mindset? Das ist gerade abgelenkt, mit der neuen Staffel von „Friends from College“.

Noch zwei Tage, bis dieser verdammte Januar endlich um ist. Im Streakrunning-Kalender, der neben meinem Spiegel hängt, klaffen nun zwei fette Lücken. Ich will ihn gerade abnehmen und ins Altpapier befördern, als es mich packt. Ich ziehe die Laufschuhe an und gehe vor die Tür. In Jeans und normalen T-Shirt, denn hätte ich nur zwei Sekunden länger darüber nachgedacht, wäre das wahrscheinlich nix geworden. Ich laufe einmal ums Karree, bis mir die Laufapp anzeigt, dass ich die Meile erreicht habe. Ich laufe weiter. Am Ende werden es acht Kilometer. Acht langsame Kilometer, die sich aber verdammt gut anfühlen.

Es ist der letzte Tag im Januar und ich drehe noch einmal eine Runde um den Block. Zur Feier des Tages lege ich noch 400 Meter obendrauf und komme auf einen letzten Lauftag mit 2 Kilometern. Das Projekt „Run every day in January“ ist erfolgreich beendet, auch wenn ich offiziell nur einen Streak von 27 Tagen vorweisen kann.

Jeden Tag laufen – was hat es gebracht?

Ich hatte mir erhofft, dass das Laufen irgendwann zur Gewohnheit wird wie das Zähneputzen. Einfach nicht drüber nachdenken, sondern einfach loslaufen, als selbstverständlicher Bestandteil des Tages. Tatsächlich war es so, dass es mir geholfen hat, dass ich ein vorgegebenes Ziel hatte – und so profan es klingt, der ausgedruckte Kalender zum Abhaken war dafür extrem nützlich.

Dennoch gab es immer wieder Tage, an denen ich eigentlich keine Lust hatte und nach Ausreden gesucht habe – die einmal ja leider die Oberhand gewonnen haben. Wahrscheinlich wäre es sinnvoll gewesen, mich noch mehr aktiv in der Community zu engagieren. Ich war anfangs etwas zögerlich, mein Vorhaben auf Instagram oder Facebook zu posten, weil ich einfach so eine Angst vor dem (vermeintlichen) Versagen hatte.

Jeden Tag laufen – ist das gesund?

Ob Streakrunning gesund oder ungesund ist, da gehen die Meinungen (weit!) auseinander. Fakt ist, dass Muskeln, Gelenke und Faszien Zeit brauchen, um sich nach einer Belastung zu regenerieren. Ob dein Körper damit klarkommt, jeden Tag zu laufen, hängt natürlich auch von deinem Zustand ab. Bist du davor noch nie gelaufen, ist es nicht ratsam, deinem Körper solch eine Anstrengung zuzumuten. Meine Muskeln sowie die Knie sind erstaunlich gut mit dem Streak Running klargekommen, was aber auch daran liegt, dass ich zuvor ganz gut im Training war. Für mein generelles Wohlbefinden war das Streakrunning eine Wohltat. Ich habe selten so gut geschlafen wie im Januar und war insgesamt viel besser drauf als überlicherweise im nasskalten Berliner Winter.

Streakrunning FAQ  – die häufigsten Fragen

Habe ich mich Streakrunning abgenommen?

Nein. Nicht ein Gramm. Nüscht, nada, niente. Ist aber auch kein Wunder: weil ich an wirklich vielen Tagen nur die eine erforderliche Meile gelaufen bin, habe ich mich ingesamt in dem Monat nicht wirklich mehr bzw. stärker sportlich betätigt als sonst auch. Eine Gewichtsabnahme war auch nicht mein Ziel (wäre aber ein netter Nebeneffekt gewesen).

Wie habe ich Überbelastung vorgebeugt?

Zugegebenermaßen zu wenig. Ab und an bin ich nach dem Lauf auf die Schaumrolle, aber insgesamt hätte ich mich doch etwas mehr dehnen sollen. Zum Glück ging alles gut.

Was habe ich bei fehlender Motivation gemacht?

Die Tage, an denen ich morgens nicht laufen war und mich dann abends noch rausschleppen musste: klar, die gab’s. Und wie bereits erwähnt hat ja auch einmal der Schweinehund die Oberhand behalten. Generell half der Gedanke aber enorm, Teil einer großen Bewegung zu sein – und eben auch das gute Gefühl, abends auf dem Kalender ein Häkchen setzen zu können.

Wie geht es nach dem Streakrunning weiter?

Bin ich danach zur Superläuferin geworden, die ohne ihr tägliches Workout gar nicht mehr kann? Nein, mitnichten. Im Februar ging es „ganz normal“ weiter … das heißt je nach Lauflust zwischen ein bis viermal pro Woche. Idealerweise ist so eine Streakrunning-Phase aber ein guter Kickstart, um danach ein Training nach Plan – zum Beispiel das Training auf einen Halbmarathon oder Marathon zu beginnen. Regeneration dazwischen aber nicht vergessen!

Streakrunning: 5 Tipps

  1. Hol dir einen Laufbuddy. Gemeinsam geht es einfach besser. Wenn du niemanden in deinem Umfeld findest – versuch es mal auf Instagram unter dem Hashtag #streakrunning
  2. Wenn du kein regelmäßiger Läufer bist, solltest du dich nicht gleich ins Streakrunning stürzen, sondern ein paar Spazier-Einheiten dazwischenschieben
  3. Bei aktuer Unlust: Sag dir „nur 10 Minuten“. Funktioniert (fast) immer.
  4. Setze dir kleine Meilensteine, bei deren Erreichung du dir eine kleine Belohnung gönnst. Nach 7 Tagen Streakrunning hab ich mir eine Laufzeitschrift gekauft, nach zwei Wochen ein Laufbuch.
  5. Mach dir bewusst, warum du das machst. So profan es klingt: finde dein „Warum“ und sage es dir immer wieder vor.