“And into the forest I go, to lose my mind and find my soul.” An diese Worte des Naturphilosophen John Muir muss ich denken, als ich an einem Freitag im Mai zur Morgendämmerung zu einem Lauf aufbreche. Ich bin für ein Wochenende im Sauerland und habe am Vortag gesehen, dass ein paar Kilometer von meinem Hotel in Hallenberg entfernt ein Aussichtsturm sein soll. Die Wettervorhersage ist gut – weder Regen noch Bewölkung drohen, die Sicht auf die schwingenden Berge und Täler zum Sonnenaufgang zu trüben.

Welt, lass dich umarmen…nicht

Es ist ja so: ich bin Frühaufsteherin. Aus voller Überzeugung. Ich liebe es, den Tag zu begrüßen, wenn andere noch schlafen und ich mich eins mit dem Universum fühlen kann. Entgegen des gängigen Vorurteils und dem Ruf, den ich bei Freunden, Kolleginnen und Bekannten hege, bin ich dennoch keine „morning person“. Ich wache nicht auf mit einem fröhlichen „Welt, lass dich umarmen!“ noch singe ich unter der Dusche. Ich würde sogar behaupten, dass ich ein ausgewiesener Morgenmuffel bin – nur bin ich eben verdammt gerne früh wach.

An diesem Morgen ist das Herz ein wenig schwerer als sonst – oder ist es die Seele? Mir geht es gut, es gibt nichts Elementares an meiner derzeitigen Situation auszusetzen und doch kreist das Gedankenkarussell. Ich muss an Menschen in meinem Umfeld denken, die es gerade hart getroffen hat. Wir kennen uns nur flüchtig, doch ein paar gemeinsame Schritte in der Natur haben gereicht, um zu zeigen: da gibt es ein Gefühl der Verbundenheit.

Trailrunning gegen Monkey Mind

Das Karussell hält immer wieder wieder dann an, wenn ich mich konzentrieren muss. Es ist matschig hier oben auf dem Weg zum Berg, in den Schlamm hat ein Forstfahrzeug Spuren hineingefahren und ich muss aufpassen, nicht auszurutschen. Das ist genau das, was ich am Trailrunning so sehr liebe: ich kann meinen Gedanken nachgehen – aber sie dürfen kommen und gehen. Heute muss ich ganz besonders auf meine Schritte achten, denn ich habe ein wenig Zeitdruck. Noch liegen meine Reisebegleiter in ihren Betten, aber bald muss ich zurück sein, um noch etwas vom Frühstück abzubekommen, bevor der Tag offiziell beginnt. Auf dem Programm heute: die Entdeckung der Sauerland Seelenorte.

seelenort willingen

Die Seele, was ist das eigentlich?

Die Seele wiegt durchschnittlich 21 Gramm. Das habe ich zumindest mal gelesen, als ein Forscher Sterbende direkt vor und nach ihrem Ableben gemessen hat. Denn, so heißt es, wenn wir von dieser Welt gehen, verlässt unsere Seele den Körper, sie bleibt aber bestehen. Denn die Seele ist ewig. Ob du das glaubst oder nicht, das überlasse ich dir. Ich beschäftige mich mit solchen Themen auch eher selten, denn wann hat man schonmal die Zeit und Muße, über so etwas nachzudenken?

Was du genau wie ich aber wahrscheinlich kennst, ist das diffuse Gefühl, wenn du mit deiner Seele nicht mehr im Einklang bist. Wenn du das Gefühl hast, dass alles schwer ist, oder dass du gegen deine Prinzipien lebst oder die Leichtigkeit fehlt. Es gibt viele Wege, wieder zu seiner Seele zu finden und nicht jeder Weg ist für jede Person (und jede Seele) der richtige. Ich merke im Alltag meist nicht, wenn ich an meinem Seelenfrieden vorbeilebe. Es läuft halt alles viel zu schnell und zu automatisch. Ein Wochenende, um mich aus dieser Routine rauszuholen, um an Seelenorten wieder zu mir zu finden kommt da gerade richtig. Sauerland is calling and I must go!

Die Sauerland Seelenorte – 43 Kraftorte

Was sind die Sauerland Seelenorte? Klingt nach einem touristischen Konzept – ist es auch, aber dann wieder auch nicht. Die „Sauerland Seelenorte“ sind sowohl brandneu wie auch uralt. Neu, weil in diesem Jahr 43 Orte, die sich über die Sauerland Wanderdörfer erstrecken, offiziell als „Sauerland-Seelenorte“ bezeichnet wurden. Alt, weil es sich dabei um Orte handelt, zu denen sich die Menschen seit jeher hingezogen fühlen. Orte, die man aufsucht, um nachzudenken, um sich frei zu fühlen, um durchzuatmen, um einen Knoten im Kopf zu lösen oder um einfach überhaupt mal wieder irgendwas zu spüren. Die Menschen des Sauerlands haben ihre ganz persönlichen Kraftorte verraten und daraus ist die Idee der 43 Seelenorte entstanden.

Soulsearch im Sauerland

Wo also finden die Sauerländer zu ihrer Seele? „Lebendige Stille“ ist das Motto, das über allen Seelenorten liegt, doch abgesehen davon sind die Ergebnisse der Umfrage überraschend divers. Der Klassiker, die Kirche und Kapelle, ist gleich mehrfach vertreten, ich habe eine davon gleich um die Ecke.

willingen sonnenaufgang

Unterkirche Hallenberg – Weibliche Urkraft

In Hallenberg, wo ich für dieses Wochenende weile, ist die Unterkirche, eine Wallfahrtskirche, die den Menschen seit Jahrhunderten Trost und Seelenheil spendet. Ich schaue sie mir an, die „Mariä Himmelsfahrt“, von außen, denn so früh bleibt mein Rütteln an der Türklinke unbeantwortet. Das Innere der Kirche soll ein Gefühl der Geborgenheit, vielleicht auch der Nähe zu Gott vermitteln. Kirchenbesucher spüren eine weibliche Urkraft, die von der Marienstatue ausgeht, zu der so viele beten. Ich fühle, dass ich hier meinen Seelenort nicht finden werde und ziehe weiter.

Unterkirche Hallenberg, An der Mauer 26, 59969 Hallenberg

Der Goldene Pfad – Achtsamkeit und Brüche

Fünf Kilometer und 10 Stationen durch die Niedersfelder Hochheide, das ist der Goldene Pfad. Bevor wir loswandern, hat man sich etwas anderes für uns ausgedacht. Wir machen einen Wahrnehmungsspaziergang. Ich sträube mich zu Beginn ein wenig, denn mit Anleitungen und Vorgaben habe ich manchmal so meine Probleme. Vor allem, wenn es darum geht, sich in die Natur zu begeben. Da brauche ich doch niemanden, der mir sagt, wie das geht? Was soll’s, es ist nur eine Viertelstunde, und mal ein paar Minuten Pause von meinen Mitreisenden (sogar ich sie habe, ehrlich!) kann eigentlich auch nicht schaden.

niedersfelder hochheide

Denn jeder von uns geht alleine los, nachdem Sauerland Coach Sabine Falk mit dem Glöckchen klingelt. „Geht dorthin, wohin es euch zieht. Und lasst das Handy hier am Platz.“ Hinter mir der Wald, vor mir die Heide, wohin soll ich gehen? Ich mache erst ein paar Schritte in das Dickicht der Bäume, aber eigentlich nur, um den anderen auszuweichen. Nach ein paar Minuten trete ich heraus und laufe auf einem kleinen Trampelpfad durch das Heidekraut. Irgendwo zwischen den Büschen sehe ich Anne, weit weg genug, um nicht interagieren zu müssen. Wir müssen die Präsenz des anderen zwar nicht ignorieren, sollten sich unsere Wege kreuzen, miteinander reden aber sollen wir nicht. Eine Bank steht vor mir, niedrig, ohne Lehne und sehr einladend. Ich lege mich rücklings auf das harte und sonnenwarme Holz, mit ein wenig schlechtem Gewissen. Darf ich bei einem Wahrnehmungsspaziergang einfach so rumliegen?

Und dann tue ich etwas, was ich schon so, so lange nicht mehr getan habe. Ich schaue den Wolken zu. Ich sehe zwei sich küssende Pudel, ich sehe einen Elefanten und die Frisur von Marge Simpson. Eine Hummel kommt angeflogen und lenkt meine Aufmerksamkeit von den Wolken zurück auf mich und meinen Körper, der sich hier so lang macht und streckt und gut fühlt. Und dann höre ich etwas aus der Ferne. Es ist das Glöckchen von Frau Falk. Die 15 Minuten sind um und ich hab nicht einmal nach meinem Handy gesucht. Die Heide, ein Seelenort? Dass man hier Achtsamkeit üben kann, habe ich ja gerade mitbekommen. Wo du hier die „Brüche“ spüren sollst, fragst du dich? Es ist die Heide selbst, die nicht das ist, für was sie viele halten. Denn sie konnte erst entstehen, in dem die Bäume, die zuvor hier wurzelten, gerodet wurden, damit aus ihrem Holz Kohle hergestellt werden konnte. Altes muss gehen, damit Neues gedeihen kann – ein Impuls, den man hier auf dem Goldenen Pfad weiterdenken kann.

Der Goldene Pfad, 59955 Winterberg

Philippstollen am Eisenberg – Angst und Vertrauen

Umhang um, Helm auf und ab geht es in den Philippstollen. Statt warm und freundlich ist es plötzlich kalt, dunkel, eng. Unser Bergbauführer läuft voran, wir folgen ihn im Gänsemarsch. Daniela ist vor mir und ich muss mich anstrengen, ihren schnellen Schritten zu folgen – ich habe große Probleme, beim schwachen Schein der Lampe etwas zu erkennen. Auch hier sollen wir nicht reden, sondern fühlen. Ich fühle die Enge, leicht beklemmend, aber nicht so schlimm, dass ich umkehren möchte, Geht ja eh nicht. Es ist niedrig hier, ich haue mir den Kopf an, es tut nicht weh, dem Helm sei Dank, aber es scheppert dumpf und jemand kichert hinter mir. Ungeschicktheit war garantiert keine gute Eigenschaft im Bergwerk.

Der Stollen, den die Bergbauleute im 18. Jahrhundert in den Felsen gehauen haben, ist ein Seelenort, weil hier aus Angst gepaart mit Vertrauen ein Gefühl der Geborgenheit entstehen kann. Nach einem Kilometer erreichen wir unser Ziel – die Barbara-Grotte, in der eine Statue der Schutzpatronin der Bergleute steht und an dem wir eine Öllampe anzünden. Die Stille und die plötzliche Abwesenheit lösen in mir tatsächlich ein Gefühl des Behütetseins aus. Es hält nicht lange an, der Rückweg steht an und weil es der selbe ist wie der Hinweg, weiß ich, was mich erwartet. Es ist schön, aus dem Stollen rauszukommen und in das Sonnenlicht zu treten. Unser Wanderführer erzählt uns, dass die meisten Bergleute den Tag nur am Wochenende erlebt haben. Hier am Philippstollen spüre ich Dankbarkeit für mein Dasein in dieser Zeit und an diesem Ort, wo ich so viel Tageslicht haben kann, wie ich nur möchte.

Philippstollen am Eisenberg / bei Olsberg/Briloner Sauerland

hallenberg heidekopf

Mein Seelenort im Sauerland

Zurück zum Anfang. Es ist immer noch früher Morgen im Sauerland und ich bin gerade ein paar Kilometer über Waldwege und taunasse Wiesen in Richtung Turm gelaufen, stetig nach oben. Nun bin ich angekommen und steige die Stufen des Heidekopfturm hinauf. Gerade rechtzeitig: aus dem Nebel erhebt sich goldorange die aufgehende Sonne über das Sauerland. Hier und jetzt weiß ich: ich bin gut so, wie ich bin, es ist gut so, wie es ist und ich bin hier und jetzt an meinem Seelenort. Wie viele Sonnenaufgänge habe ich bisher in meinen 43 Jahren erlebt? Hunderte, Tausende? Es sind viele, doch jedes Mal ergreift mich das selbe, tiefe Gefühl, ganz eng verbunden mit der Natur und den Elementen zu sein. Soulsearch im Sauerland? Mission completed, würde ich mal sagen.

Sauerland mit Leib & Seele

Seelennahrung hatte ich im Sauerland mehr als genug, und als ich während der Soulsearch zwischendurch ein wenig hangry wurde, half mir Udo dankenswerterweise mit einem Müsliriegel aus. Mit Schoko! Ansonsten wurden wir sehr gut verpflegt– das sind meine kulinarischen Tipps für das Sauerland:

schinkenwirt olsberg

Schinkenwirt in Olsberg

Ganz anders, als der Name es vermuten lässt, ist der Schinkenwirt ein Restaurant mit moderner, regionaler Küche – hier kommt auf den Teller, was in der Umgebung wächst und gedeiht. Schinkenwirt-Inhaber und Küchenchef Michael Pfannes hat uns mit Kreationen wie Brennessel-Risotto, Fichtenspitzeneis und Rhabarbermousse schlichtweg vom Hocker gerissen.

Schinkenwirt Waldhotel & Restaurant, Eisenberg 2, 59939 Olsberg

Restaurant im Hotel Sauerländer Hof

Wir waren im Hotel Sauerländer Hof untergebracht – ein familiengeführtes Haus mit eigenem Restaurant. Vom Brot als Gruß aus der Küche über die Hauptspeise bis hin zum Dessert und exzellenten Service: ein rundum angenehmes Erlebnis.

Sauerländer Hof, Merklinghauser Straße 27, 59969 Hallenberg

Das kleine Landhaus in Usseln

Okay, ich schummele ein bisschen, denn dieses Café habe ich nicht bei diesem Sauerland-Aufenthalt, sondern ein paar Wochen früher entdeckt. Da war ich nämlich schonmal in der Gegend, zum Wanderblogger Barcamp. Als mich der nette Andrew von der Touristeninfo Willingen mich zum Ende der Veranstaltung zum Bahnhof brachte, bat ich ihn um einen kleinen Zwischenstopp. Wo es denn hier in Usseln den besten Kuchen gäbe, wollte ich wissen. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken steuerte er Das kleine Landhaus an. Was soll ich sagen: beste Entscheidung ever. Nicht nur ist das Café von seiner Inneneinrichtung her einzigartig (so! viel! zu gucken!), sondern der Kuchen schmeckte auch hervorragend (ich musste na klar gleich zwei Stück kaufen, ich hatte ja eine lange Zugfahrt vor mir). Zudem kann man auch draußen in kleinen Holzhütten sitzen, ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt. Wenn du in der Gegend bist: unbedingt hingehen!

Das Kleine Landhaus, Korbacher Str. 13, 34508 Willingen-Usseln (Upland)

 

Transparenz: Dieser Beitrag entstand innerhalb des Blogwärts Retreat von Antje von Weltenkundler und Udo von Waldhelden in Kooperation mit Sauerland Tourismus Marketing. Vielen Dank dass ich dabei sein durfte, es war mir ein Fest!