Laufen in Glasgow: #runmyhood mit The Runbetweeners

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„The Shithole“, so nannte mein ehemaliger Mitbewohner Andy seine Heimatstadt Glasgow. Doch auch wenn das auf den ersten Blick nicht gerade nach Wertschätzung klingen mag, so lag doch eine gewisse Zuneigung in diesen Worten. Glasgow hat nach außen einen zweifelhaften Ruf. Während Edinburgh für atemberaubende Schönheit steht, kennt man von der zweiten Stadt Schottlands eher Geschichten von Fußball-Hooligans die sich gegenseitig an den Kragen gehen. Anfang dieses Jahrtausends besagte eine Statistik sogar, dass Glasgow „die Mord-Hauptstadt Westeuropas“ sei. Die Glasvegians hängen aber an ihrer Stadt. Den Glasgowern sagt man nach, dass sie freundlicher sind als die Hauptstädter, die besseren Bands (Belle & Sebastian, Mogwai, Primal Scream, Travis, Simple Minds) kommen von hier und man ist einfach mehr am Puls der Zeit als das gemütliche Edinburgh.

Dass ich im Frühling kurz Glasgow besuche, ist dennoch eher praktischen als touristischen Umständen geschuldet. Ich verbringe ein Wochenende mit meiner Schulfreundin in Edinburgh, doch Flug nach Glasgow war günstiger und die Zugfahrt in die schottische Hauptstadt dauert nur eine gute Stunde. Weil ich dann Glasgow aber doch nicht nur als reine Transit-Stadt nutzen wollte, sondern eben kurz auch mal Andy und einer ehemaligen Kollegin, die der Liebe wegen nach Glasgow gezogen ist, hallo sagen wollte, hab‘ ich mich für eine Übernachtung in Glasgow entschlossen. Und, wer Tracks and the City kennt der weiß was jetzt kommt: wenn ich irgendwo bin, dann möchte ich da auch laufen.

Laufen in Glasgow mit The Runbetweeners

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Bei meiner Recherche nach Laufgruppen in Glasgow bin ich auf The Runbetweeners gestoßen. Kenny und Jack sind zwei Lehrer, deren Leidenschaft das Laufen ist. Auf ihrem Blog schreiben sie über ihre Anfänge, ihre alltäglichen Läufe und ihre Rennen.
Anfang des Jahres haben sie auch eine offizielle Laufgruppe gegründet, der sich jeder anschließen kann: Immer Montags um 18:45 wird gelaufen, egal bei jedem Wetter. Und das kann in Glasgow durchaus eine Herausforderung sein.

Über Facebook nehme ich Kontakt auf und wir überlegen gemeinsam, wo wir denn am nächsten Morgen eine Runde drehen könnten. Der Pollok Country Park in Süden Glasgows ist bei Läufern sehr beliebt. Bis Mitte der 90er Jahre war er sogar die größte urbane Grünfläche in Europa und gewann nicht wenige Preise, bei denen er sich gegen Parks in Italien, Frankreich und Deutschland durchsetzte. Mountainbiking-Strecken, idyllische Brücken und sogar Highland Rinder haben im Pollok Country Park ihre Heimat gefunden. Klingt nach Läuferparadies und wäre eine perfekte Location für meinen ersten Lauf auf schottischem Boden.

Laufen durch den Queen’s Park im Süden Glasgows

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Allerdings ist meine Zeit recht knapp, daher schlagen die Jungs den Queen’s Park vor. Praktisch: Er befindet sich nicht nur in der gleichen Gegend wie mein Airbnb Zimmer, sondern auch dort, wo sie beide selbst wohnen. Treffpunkt ist an einer Straßenecke in Parknähe und auf den sieben Minuten Fußmarsch werde ich schon einmal komplett geduscht. Aus den Regentropfen wird Hagel, doch als Jack und Kenny um die Ecke biegen ist der Spuk vorbei und die Sonne lugt hinter den Wolken hervor. „This is why I hate April: four seasons in one day“, hatte mich Andy gewarnt.

Als Läufer ist man wettermäßig einiges gewohnt, als Läufer in Schottland wohl umso mehr. Die Runbetweeners sind gut gelaunt und drehen mit mir in meiner gewünschten Pace einen nicht allzu schnellen 5-Kilometer-Lauf durch den Queens Park. So ganz gemütlich wird’s dann doch nicht, zwei kleine Hügel gilt es zu erklimmen – die Belohnung dafür ist eine Aussicht über das von oben gar nicht mal so übel aussehende „Shithole.“ Jack und Kenny erzählen mir von ihrem Viertel Shawlands, ein Bezrik der „gerade im Kommen“ ist.

Shawlands, das Szeneviertel Glasgows

Ich erfahre, wo es den besten Kaffee gibt (The Glad Café) und dass The Shed der örtliche Absturzschuppen ist (Kenny ist dort nicht selten anzutreffen, Jack hatte bisher noch nicht das Vergnügen). Jack erzählt mir, von seiner Frau, die er in der deutschen Brauerei West geheiratet hat (die einzige Brauerei in Glasgow, die nach deutschem Reinheitsgebot braut) und die er mit dem Laufvirus infiziert hat: sie trainiert gerade für den London Marathon. Als ich grade so ein bisschen stolz auf mich bin, dass ich den schottischen Akzent endlich richtig gut zu verstehen scheine, werde ich eines besseren belehrt: Jack kommt ursprünglich aus dem Süden Londons und unterrichtet zudem Englisch. Bei Erdkundelehrer Kenny habe ich tatsächlich mehr Mühe, allen Aspekten der Konversation zu folgen. Was ich mitbekommen habe, ist dass die beiden große Fans des Park Run UK sind. Eine Veranstaltung, bei der sich immer Samstags trifft, um 5 Kilometer gemeinsam durch einen Park zu laufen. In Großbritannien gibt es zahlreiche dieser Läufe, mitunter treffen sich hunderte Läufer zum gemeinsamen Frühsport. Die Veranstaltung verbreitet sich gerade auch in andere Länder, Polen zum Beispiel ist ganz vorne mit dabei, aber auch in Frankreich und Dänemark gibt es Parkläufe.

Eine gute halbe Stunde später ist unser gemeinsamer Lauf vorbei und meine Laufpartner und ich verabschieden uns. Ich fühle mich ein ganzes Stück heimischer in Glasgow und bin fast ein bisschen betrübt, dass mein Zug nach Edinburgh schon in zwei Stunden geht. Ich habe einen sehr positiven ersten Eindruck von der Glasgower Laufszene bekommen und werde die Laufabenteuern der Runbetweeners auf jeden Fall weiter verfolgen.

#runmyhood Laufstrecke Glasgow Queens Park

Hood: Shawlands, im Süden von Glasgow
Start & Ende: Prospecthill Road Ecke Cathcard Road
Distanz: 5 Kilometer
Terrain: leichte und steile Anstiege, Teer oder Rasen

Wissenswertes:

Queens Park liegt im Bezirk Shawlands.
Der Park wurde Ende des 19. Jahrhunderts angelegt. Zu dieser Zeit herrschte ein großer Bedarf an Wohnraum, dem man der Errichtung von Mietshäusern gerecht wurde. Die Stadtplanung sah aber auch Erholungsorte für die neuen Bewohner vor, weshalb der Park angelegt wurde. Benannte wurde der Naherhoungsort nach Mary, Queen of Scots, die nahe des Parks die Schlacht von Langside verloren hatte. Das gleichnamige Viertel ist Heimat des Fußball Clubs Queen’s Park FC, übrigens der einzige Amateur-Club innerhalb der schottischen Liga. Zweimal pro Monat findet im westlichen Teil des Parks ein Bauernmarkt statt und jedes Jahr im Mai versammeln sich hier Menschenmassen zum Southside Festival.
Und im Winter, wenn’s denn schneit, wird hier gerne Schlittengefahren.
Von mehreren Erhebungen des Parks hat man einen fantastischen Blick auf die Glasgower City. Wir haben am höchsten Punkt, dem Flagpole angehalten und konnten die St. Mungo’s Cathedral und die Universität sehen. An Tagen mit besserem Wetter reicht die Sicht sogar bis zur Hügelkette Campsie Fells oder dem 974 Meter hohen Ben Lomond.

Fun Fact:

Im Park steht eine hölzerne Statue von Clyde, dem offiziellen Maskottchen der Commonwealth Games 2014, die in Glasgow stattfanden. 29 Clydes sind über ganz Glasgow verteilt. Kenny und Jack haben sich mal die Mühe gemacht, sie alle abzulaufen. Der Spaß artete allerdings in harter Arbeit aus, denn auch Erdkundelehrer können mal irren: aus den geplanten 12 Meilen wurden so um die 28. Wer die (sehr lustige) Story mal nachlesen will, bitte hier klicken.

Andere beliebte Laufrouten in Glasgow:

Der wohl beste Ort, um in Glasgow zu laufen ist der Pollok Park. Auch Brückenläufe über den Fluss Clyde sind sehr beliebt. Wer urbane Läufe mag und was von der City sehen will, dem sei der Lauf von St. Enoch nach Glasgow Green empfohlen. Genauere Beschreibungen der Läufe findet man hier.

Laufgruppen in Glasgow:

Dunoon Hill Runners
Westerlands Cross Country Club
Bellahouston Harriers

Rennen in Glasgow:

5. Juni 2016: Great Women’s 10k

19. Juni 2016: Men’s 10k

1. & 2. Oktober 2016, Great Scottish Run, Halbmarathon & 10k

Laufläden in Glasgow:

Run4It im Süden Glasgows. Hier ist auch der Treffpunkt für die Laufgruppe der Runbetweeners.

4 Kommentare

    • hahahaha, jaaa, die Wasserhähne, auf die komm‘ ich auch nicht klar. Und, wie toll, Du bist zum Loch Lomond gefahren. Muss da auf jeden Fall nochmal länger hin!

      • und: ich fand‘ das Essen fantastisch! Allerdings steh‘ ich (leider) auf Frittiertes 😉

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