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Abenteuerreise Wohnmobil – Kleine Katastrophen & die große Freiheit

Buchrezension und Gespräch mit Autorin Anna Dross in Palma de Mallorca

Mit dem Wohnmobil durch die Gegend fahren ist was für Spießer. Wohnmobilfahrer sammeln Gartenzwerge, tragen hässliche Gummiclogs und lieben Spitzengardinen. Stimmt? Stimmt! Dass es aber auch ganz anders geht, beschreibt Anna Dross in „Abenteuerreise Wohnmobil – Kleine Katastrophen und die große Freiheit. Mit der Autorin habe ich mich in ihrer mallorquinischen Heimat über Wohnmobilklischees, das Gefühl von Freiheit sowie ihre Auswanderergeschichte unterhalten – und warum es auch bei Wohnmobilfahrern solche und solche gibt.

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Ein Treffen in Palma de Mallorca

Ich habe mich mit Anna Dross in S’Escorxial verabredet, dem ehemaligen Schlachthofgelände im Norden von Palma, der heute ein Treffpunkt zum quatschen und Vermouth trinken, ins Kino gehen und einkaufen gehen ist. Obwohl in ihrem Buch nicht viele Fotos von ihr sind, erkenne ich sie sofort: Sonnenhut, Sonnenbrille, Halstuch und eine positive und offene Ausstrahlung, die mich sofort in ihren Bann zieht. Fast hätte ich unsere Verabredung heute abgesagt, mir ging es nicht so gut, ich war ein wenig erschlagen von einem ausufernden Kindergeburtstag am Tag zuvor und hatte schlechte Laune, weil das negative Auswirkungen auf meine Produktivität hatte.

In der Sekunde, in der ich Anna die Hand gebe und sie mir augenblicklich das „du“ anbietet, bin ich heilfroh, unser Kaffeedate nicht gecancelt zu haben.

Autorin Anna Dross
Autorin Anna Dross

Ein paar Wochen zuvor hatte ich das Buch „Abenteuerreise Wohnmobil“ als Rezensionsexemplar erhalten, eine Reisememoir zweier Rentner, die mit dem Wohnmobil auf Tour  gehen. Ich geb’s zu, zunächst hat mich das Thema nicht direkt angesprungen – meine einzigen Erfahrungen mit dieser Art zu reisen beschränken sich auf die langen Reihen an Wohnmobilen auf Campingplätzen, an denen ich vorbeimusste um dann in irgendeiner Ecke mein Zelt aufzustellen. Bevor ich das Buch angefangen habe zu lesen, habe ich ein wenig über die Autorin recherchiert und bin auf ihren Blog gestoßen. Und als ich die Beschreibung auf ihrer Über-mich-Seite gelesen habe war es direkt um mich geschehen, wegen Sätzen wie diesen:

„Das Alter kann ich mir beim besten Willen nicht schön reden. Was soll an diesem age so best sein? Aber ich bin dankbar, es gesund und munter erreicht zu haben. Das ist Luxus. Schön trinken klappt schon eher, egal ob mit Rotwein aus La Rioja oder Rivaner vom Kaiserstuhl. Gerne auch mit Gin Tonic, und am liebsten mit Gleichgesinnten.“

Du kannst dir also vorstellen, dass ich sehr neugierig auf diese Frau und das Buch war – sie hätte auch über das Falten von Telefonbuchseiten oder die Stochastik der Finanzmärkte  schreiben können, egal– wer so mit Worten umgeht, der hat mich. Also nahm ich mir das Buch mit ins Flugzeug nach Mallorca, wo ich für eine Woche einen Freund besuchen und ein wenig Luft holen würde – und habe die kompletten zweieinhalb Flugstunden durchgelesen.

Abenteuerreise Wohnmobil: Worum geht’s?

Anna und ihr Mann Gabriel sind endlich Rentner, ihnen geht es gut auf Mallorca und eigentlich hätten beide nie im Traum daran gedacht, sich mal ein Wohnmobil zuzulegen und damit durch Europa zu fahren. Aber ersten kommt ja sowieso immer anders als man denkt und zweitens ist Anna eine, die eher „Ja!“ sagt als zu zögern und deshalb kaufen sich die beiden nach einer ersten Testfahrt ein eigenes Wohnmobil und machen sich auf zu Fahrten durch Spanien, Frankreich, Deutschland, Belgien und die Niederlande…und es ist kein Ende absehbar. „Abenteuerreise Wohnmobil“ ist eine Art Reisereportage mit informativen Serviceteil – und jeder Menge Missgeschicke, die Wohnmobil-Newbies ereilen und an denen wir als Leser uns erheitern können.

Wie liest sich das?

Man merkt, dass die Autorin wirklich schreiben kann und eine geborene Erzählerin ist. Später im Gespräch kommt raus, dass sie schon mal einen Literaturpreis in Bremen gewonnen hat und dass sie das Schreiben schon immer begleitet hat im Leben. Es klingt profan, aber wenn ich Freundinnen von dem Buch erzählt, ist das erste, was ich sage: „es liest sich so schön!“. Es ist weder sensationsheischend noch übertrieben ironisch, sondern einfach authentisch und mit viel Liebe zur Sprache erzählt.  Immer wieder knicke ich ein Eselsohr in eine bestimmte Seite, weil dort ein Satz steht, der mir besonders gut gefällt oder mit dem ich mich voll und ganz identifizieren kann. Kleine Kostprobe gefällig? „Da verliert ihr ja einen ganzen Tag mit der Überfahrt“, kommentiert eine Freundin unseren Reisebeginn. Stimmt das? Ich sage: „Nein, wir verlieren gar nichts, nicht eine einzige Stunde. Der Tag ist unser, egal wo und wie wir ihn erleben.“

Das Buch räumt mit Wohnmobil-Klischees auf, nur um sie gleich wieder zu bestätigen. Denn: „Wohnmobilfahrer sind ein Querschnitt der Bevölkerung, es gibt genauso viele Deppen und genau so viele tolle Menschen wie auch sonst auf der Welt“, verrät mir Anna und erzählt, wie sie selbst so überrascht davon war, welche Freiheit ihr das Womo erlauben würde – nämlich die Freiheit, jederzeit die Richtung zu ändern.

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Einer von vielen schönen Sätzen aus „Abenteuerreise Wohnmobil“

Für wen ist das Buch geschrieben?

„Mir war es wichtig, ein Buch zu schreiben, das nicht nur für Wohnmobilbesitzer interessant ist“, erzählt mir Anna und ich kann bestätigen, dass ihr das ganz und gar gelungen ist. „Abenteuerreise Wohnmobil“ ist für alle, die gerne losfahren, die sich auf Reisen überraschen lassen und sich nach dem Gefühl von Freiheit sehnen. Und es ist zudem eine sehr mutmachende Lektüre für Frauen in den Vierzigern wie mich, denn Frauen wie Anna, die mit 43 Jahren ohne Job, Plan und Wohnung nach Mallorca auswandern, mit 59 heiraten und mit 67 ihr erstes Buch veröffentlichen sind eine ganz große Inspiration.

Auf einen Tee und Törtchen mit Autorin Anna Dross

Bei einem Tee und einem äußerst leckeren Mango-Maracuja-Törtchen in einem meiner neuen Lieblingscafés in Palma unterhalte ich mich mit Anna über ihr Buch, aber auch über ihre spannende Lebensgeschichte. Am meisten bin ich natürlich daran interessiert, wie sie vor fast einem Vierteljahrhundert auf Mallorca gelandet ist und sich dort ihr Leben aufgebaut hat. Denn eigentlich hätte sie als großer Italien-Fan niemals gedacht, dass sie überhaupt mal nach Mallorca fliegen würde, geschweige denn, um dort einen Pauschalurlaub zu machen. Genau das hat sie aber Mite der Neunziger Jahre mit einer Freundin getan – und sie hatte Glück: das Hotel, das Wetter, alles prima. Mit dem Mietwagen erkundeten die beiden Mittzwanzigerinnen Mallorca „und in dem Moment habe ich mich in die Insel verliebt.“

Von Bremen nach Mallorca, ohne Job und ohne Wohnung

Diese Liebe ließ sie auch in Deutschland nicht los, deshalb kam sie wieder, mit zehn Bewerbungsmappen und keinem konkreten Plan im Gepäck. Es war dann nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ihren sicheren Job als Assistentin in einem Bremer Klinikum kündigte und sich erneut nach Paguera aufmachte. Dazwischen gab es noch einige holprige Stellen auf dem Weg zum glücklichen Auswandererleben:  erst keine Arbeit, dann eine Arbeit, die zwar riesigen Spaß machte, aber die ein eine 60-Stunden-Woche ausartete – „ich war selber schuld, ich wollte das so“, sagt Anna und ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht leicht ist, dieses Energiebündel zu bremsen, am wenigsten wahrscheinlich für sie selbst.

Es gab Zweifel nach den ersten eineinhalb Jahren, aber jedes Mal, wenn sie von Deutschlandbesuchen zurückkam, die selbe Erkenntnis: „Der Moment, wenn das Flugzeug in Palma aufsetzt, ist jedes Mal ein Gefühl von Nachhausekommen.“

Das neue Buch ist schon in Arbeit

Auch auf Mallorca bleibt sie ihrem Hang zu spontanen Entscheidungen treu – den sicheren Job in der Praxis kündigt sie, um eine alte Passion wieder aufleben zu lassen: sie kauft eine Staffelei und studiert an der Akademie in Palma drei Jahre lang realistische figürliche Malerei. Irgendwann kam der Mann dazu, Mallorca ist der Ort, an dem Anna zu Hause ist und gegen den Inselkoller, der jeden irgendwann mal trifft, haben sie nun ihr Wohnmobil Maggie, mit dem sie durch Europa fahren.

Annas Story ist so spannend und unterhaltsam, dass ich der Meinung bin, dass sie ihr nächstes Buch darüber schreiben sollte. Will sie aber nicht. Stattdessen schreibt sie jetzt einen Krimi. „Keine Sorge, es wird nicht der hundertste Mallorca-Krimi“, lacht sie, noch bevor ich diese falsche Vermutung in den Raum werfen kann. Worum es geht, das will sie mir natürlich nicht verraten. Nur soviel: die Leiche liegt (natürlich!) im Wohnwagen.

Anna Dross: Abenteuerreise Wohnmobil*
Goldmann, 2020

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