alkoholfreie cocktails berlin

zeroliq Bar – Braucht Berlin eine alkoholfreie Bar?

Deutschlands erste Bar ohne Alkohol in Berlin Friedrichshain

Ich war früher ein riesengroßer Benjamin von-Stuckrad-Barre-Fan und als Soloalbum herauskam, war ich gerade fast fertig mit zwei eher mittelspannenden Ausbildungsjahren in Heidelberg und auf dem Weg nach Berlin. Soloalbum und der Ich-Erzähler sprachen mir aus der Seele und fortan konnte ich nie mehr auf ein Oasis-Konzert gehen, ohne dabei an das Buch und den Autoren zu denken.

Wenige Jahre später in Berlin war es dann auch, wo ich tatsächlich mal auf der gleichen Party wie Stuckrad-Barre war. Am Hackeschen Markt, damals übrigens noch cool, liebe Millennials. Die Begegnung war weitaus weniger durch Seelenverwandtschaft geprägt, wie ich mir das jahrelang ausgemalt hatte: Er stand gerade an der Toilette an, aus der ich rauskam – und mir war nichts anderes eingefallen, als „Es gibt kein Klopapier mehr“ zu sagen.

Meine ersten zwei Jahre in Berlin waren von mäßig kontrollierter Zügellosigkeit geprägt – nach einem USA-Jahr, in dem ich zu jung fürs Ausgehen und Trinken war und den zwei Jahren in Heidelberg hatte ich Nachholbedarf. War jetzt auch nix Außergewöhnliches, außer ein paar Superdisziplinierten Kommilitoninnen und Kommilitonen wussten wir alle, warum wir Berlin zu unserer Heimat gemacht hatten.

Stuckrad-Barre trinkt nicht mehr

Wieder ein paar Jahre später, es muss wohl so gegen 2011, 2012 gewesen sein, las ich in der WELT einen Text von Stuckrad-Barre, der, wie ich meine, mit „Für mich nur ein Mineralwasser, bitte“* betitelt war. Seine „Alkoholbeichte“ hatte mich weniger schockiert, als das nüchterne, langweilige Leben, das mein Idol von nunan führen musste. So dachte ich zumindest damals – ganz nach dem Motto „Wir können auch ohne Spaß Alkohol haben“.

zeroliq bar berlin
zeroliq Bar in Berlin Friedrichshain

Mein Jahr ohne Alkohol

Wieder ein paar Jahre später hab ich es mal selber ausprobiert: Ein ganzes Jahr ohne Alkohol. Der Anlass? Kein wirklicher. Das Marathon-Training hatte gerade begonnen, das Nicht-Trinken war dabei aber eher ein netter Nebeneffekt als die Voraussetzung. Je älter ich wurde, desto schlimmer wurden die Kater. Und es war nie vorhersehbar: Manchmal war nach einem Glas Weißwein der nächste Tag komplett gelaufen, manchmal machten mir drei Whisky Sour gar nix aus. Okay, trinke ich halt mal eine Weile nix.

Wie das war? Ehrlich, nicht sonderlich spektakulär. Für Bars hatte ich während es Marathontrainings kaum Zeit, ich verbrachte stattdessen meine Abende mit Laufen, Stabi-Training und Ausgleichssport. Und selbst wenn ich mal irgendwo eingeladen war, war es meist kein großes Thema, wenn ich statt einem Wein eine Club Mate getrunken habe. Klar, es gab immer den ein oder anderen, der sich fast schon persönlich angegriffen fühlte, wenn die Spaßbremse den Schnaps oder das Bier abgelehnt hat (Startup-Arbeitsumfeld, Grillparties in der alten Heimat, beim „anstoßen“ auf irgendwas), aber im Großen und Ganzen nahm ich das gern in Kauf, wenn ich dafür keinen Kater des Todes am Tag danach hatte. Auch die stetigen Fragen nach dem „Warum“ lernte ich inzwischen ganz nonchalant zu beantworten – Übung hatte ich ja bereits, denn auch im 21. Jahrhundert musste ich vielen Menschen immer noch erklären, warum ich Vegetarierin war.

Schwupps war ein Jahr ohne Wein und Bier vorbei, ohne Proseccöchen, ohne Kurze, ohne Feierabendbier. Und ein Jahr, das weder langweilig noch spaßbefreit noch unsozial war.

Irgendwann habe ich mir dann wieder einen Gin Tonic bestellt. Er hat gut geschmeckt. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hatte kein Erweckungserlebnis, aber auch keine Abscheu. Es ist definitiv der bequemere Weg, bei Firmenfeiern, auf Geburtstagen oder Vernissagen zum alkoholischen als nicht-alkoholischen Getränk zu greifen. Ist halt nervig, wenn Alkohol ausgeschenkt wird und man explizit nach einer alkoholfreien Variante fragen muss – so in etwa wie wenn man bei einem Barbecue in Texas nach Tofuwürstchen fragen würde.

Mocktails, nein Danke

Und heute? Ich würde sagen, ich trinke so gut wie nie. Außer, ich sitze in den schottischen Highlands am Kamin und meine Gastgeberin führt mir ihre Gin-Sammlung vor, oder es gibt irgendwo ein besonders leckeres regionales Bier. Mittlerweile trinke ich, wenn ich Lust drauf habe und nicht wenn ich denke, es sei gesellschaftlich eben gerade angebracht oder ich würde jemandem durch meinen Verzicht beleidigen.

Berlins erste alkoholfreie Bar

Und nun endlich zur Beantwortung meiner Eingangsfrage: Braucht Berlin eine alkoholfreie Bar? Verdammt, ja! Ich habe zwar kein Problem damit, in eine normale Bar zu gehen, und mir dort etwas nicht-alkholisches zu bestellen, aber manche Menschen haben das vielleicht schon. Zudem ist in den üblichen Lokalitäten die Auswahl an Getränken ohne Alkohol meist übersichtlich: Softdrinks, Säfte Wasser. Boooooring. Oder es gibt die „Mocktails“ – meist so überflüssig wie ihr Name: Süß, klebrig, unelegant.

Dieses triste Dasein will zeroliq ändern. In diese Bar geht man nicht wegen des Alkohols, sondern wegen des Drumherums, das man sonst immer mit Alkohol verbindet: dem geselligen Zusammensein, den guten Gesprächen, den Begegnungen mit Menschen. Im März 2020, zur denkbar ungünstigten Zeit, hat zeroliq eröffnet, nur um kurze Zeit später wieder schließen zu müssen. Nun ist die Bar wieder geöffnet, und bietet neben seiner Auswahl an nicht-alkoholischen Drinks auch vegane Tapas an.

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Alkoholfreier „Negroni“ namens „zegroni“ und „native grape“

zeroliq-Bar: Das Getränkeangebot

Das Angebot an alkoholfreien Getränkespezialitäten in der zeroliq-Bar kann sich sehen lassen: Über 30 Biersorten, davon einige regionale Craft-Biere. Wein gibt’s natürlich auch – eine große Auswahl an alkoholfreiem Sekt, Prosecco und Wein, wie zum Beispiel „native grape“, das „weltweit erste alkoholfreie fermentierte Weintraubengetränk“.

Die Stars im Getränkemenü sind aber natürlich die Longdrinks und Cocktails – allen voran der klassische Gin Tonic, der statt Gin mit „Undone Juniper Type“, einem alkoholfreien Wachholder-Destillat aus Hamburg, serviert wird. Daneben gibt es spannende alkoholfreie Cocktail-Kreationen wie der „coffee & chocolate“, ein Mix aus Cold Brew Kaffee, Orange, Nelke, Zimt und Schokolade.

Das Ambiente

Slavena Korsun und Peter Kenzelmann, die Gründer von zeroliq, haben alles richtig gemacht und kapiert, dass eine alkoholfreie Bar nicht so aussehen muss wie ein Health-Food-Store oder eine Smoothie-Bar – sondern wie eine echte Kneipe eben. Mit dunklen Wänden, einem massivem, hölzernen Tresen und den dahinter aufgereihten Flaschen.

Alkoholfreie Drinks in Berlin: Wie hat’s geschmeckt?

Ich hatte das weißweinähnliche „native Grape“-Getränk, meine Begleitung den „zegroni“ – nicht schwer zu erraten eine alkoholfreie Variante des Negroni, mit „not Gin, not Orange Bitter, not Vermouth und Orange“.

Ich hatte zuvor schon einmal, in der Drogerie in Senftenberg einen alkoholfreien Weißwein probiert und das Erlebnis war ähnlich: Ein etwas süßlicher Geschmack, der im Abgang auch leicht an Apfelessig erinnert. Mit Eis und Zitrone im Glas recht erfrischend, aber doch nicht zu 100% mein Geschmack. Da bleib‘ ich dann doch lieber beim traditionellen Riesling.

Anders war der Eindruck beim „zegroni“ – schlichtweg fantastisch. Die feine Bitternote, das leichte Prickeln, die harmonische Komposition: Ehrlich, hätte ich nicht gewusst, dass ich da gerade eine Negroni-Variante ohne Alkohol probiere, ich hätte es nicht gewusst.

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Cheers! Anstoßen geht auch ohne Umdrehungen.

zeroliq-Bar: Hingehen?

Na klar! Wenn du Autofahren musst, wenn du schwanger bist, falls du mal keinen Kater haben willst und  trotzdem nicht auf ein schönes Getränk in stilvoller Umgebung verzichten willst, dann gibt es in Berlin jetzt endlich den passenden Ort dafür. Und falls du dann danach doch noch Lust auf etwas Umdrehungen hast: die Booze Bar ist keine zwei Gehminuten entfernt.

zeroliq Bar: Info

zeroliq Bar Website

Adresse: Boxhagener Str. 104, 10245 Berlin. In Laufdistanz von U5 Samariterstraße oder U5 Frankfurter Tor. Die Trambahnhaltestelle „Niederbarnimstraße“ der Linie 21 hält direkt vor der Tür.

 

*Dieser Text ist inzwischen in Benjamin von Stuckrad-Barres Buch „Nüchtern“  zu finden.

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