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Wolfenbüttel ist maßlos überschätzt. Die Weltpresse und Reisefachliteratur überschlagen sich mit Superlativen über das Städtchen an der Oker. Auch unlängst, zum Anlass des Reiseblogger Barcamps, erschienen zahlreiche Artikel von Bloggern, deren Begeisterung für die Lessingstadt wohl nur auf einer Annehmlichkeit beruht: dem schnöden Mammon. Schließlich kann die durchweg sehr positive Berichterstattung nur gekauft sein. Schluss damit. Lassen wir den Influencerkram beiseite und sagen, wie es wirklich ist – ich nenne dir acht Gründe, warum du keinesfalls nach Wolfenbüttel fahren solltest.

1. Schon Lessing fand es hier echt langweilig

Wolfenbüttel ist Lessingstadt und darauf ist man hier auch ziemlich stolz. Es gibt das Lessinghaus, die Lessing-Akademie, das Lessing-Theater, die Lessing-Realschule, ein Lessing-Café und wahrscheinlich auch noch einen Lessing-Schlüsseldienst und eine Lessing-Schnellreinigung. Der Literat wurde einst als Bibliothekar in die Herzog August Bibliothek berufen und so verbrachte er von 1770 bis zu seinem Tod im Jahre 1781 elf Jahre in Wolfenbüttel. Elf zähe Jahre, denn dem genialen Geist gefiel es hier in der Provinz nicht sonderlich gut und seinen Frust schrieb er sich in zahlreichen Briefen von der Seele. So ist in einem Schreiben an seinen Bruder Karl aus dem Jahr 1772 zu lesen:

„Du weißt es ja wohl schon längst, wie es mit mir steht, wenn ich in langer Zeit von mir nichts hören lasse, nemlich, daß ich sodann äußerst mißvergnügt bin. Wer wird durch Mitteilung und Freundschaft die Sphäre seines Lebens auch zu erweitern suchen, wenn ihm beinahe des ganzen Lebens ekelt? Oder, wer hat auch Lust, nach vergnügten Empfindungen in der Ferne umher zu jagen, wenn er in der Nähe nichts um sich sieht, was ihm deren auch nur Eine gewähren könnte?“*

So oft wie möglich floh er ins nahe gelegene Braunschweig, um dort ein wenig Stadtluft atmen und angeregte Konversation betreiben zu können. Diese Landflucht wurde ihm letztendlich zum Verhängnis: Lessing verstarb 1781 an den Folgen einer verschleppten Erkältung, die er sich auf einer eisigen Fahrt von Wolfenbüttel nach Braunschweig zuzog. Des einen Leid, des anderen Freud‘: Der Tatsache, dass Lessing sich in Wolfenbüttel zu Tode langweilte, haben wir bedeutende Werke der Weltliteratur zu verdanken. In seinem ersten Wolfenbütteler Jahr beendete er „Emilia Galotti“, später schrieb er „Nathan der Weise,“ das wohl viele von euch auch noch aus der Abiprüfung kennen dürften.

Was könnte man Lessings Langeweile entgegensetzen? Vielleicht ein paar Worte Casanovas? Der verbrachte in Wolfenbüttel schließlich „die schönste Woche seines Lebens“, und das kannst du heute noch nachempfinden, bei einem Casanova-Abend im Renaissance-Saal auf Schloss Wofenbüttel.

 

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2. Es gibt kein Hipster Café in Wolfenbüttel

Als Berlinerin ist man ja ständig mit dem Laptop unterwegs und auf der Suche nach einem Café zum Arbeiten. Wichtiges Hipsterkriterium: die Anzahl der Laptops mit dem Apfel-Logo ist überproportional hoch, die Barista sprechen ausschließlich englisch und wer Milch in seinen handgebrauten Kaffee möchte wird mit einer hochgezogenen Augenbraue bedacht. Eine große Enttäuschung ereilte mich, als auf der Suche nach einem Hipstercafé in Wolfenbüttel war: gibt’s das etwa gar nicht? Gut, im Pinocchio und dem Treccino wird sogar selbst geröstet, aber konzentriert auf Facebook surfende, ähhh im Internet arbeitende Menschen habe ich dort nicht gesehen. Stattdessen gut gelaunte Wolfenbütteler und Wolfenbüttelerinnen, die sich über einem Kaffee über das Weltgeschehen, Nachbars neuen Labrador-Mischling oder das bald erscheinende Album der Fantastischen 4 unterhielten. Nicht genug, dass die Menschen miteinander redeten, sie schauten sich dabei sogar in die Augen…also mal ehrlich, wo kämen wir denn dahin, wenn das alle so machen würden? Ich muss wohl nicht weiter erwähnen, dass auch die weiteren Cafés in Wolfenbüttel nicht gerade mit Coolness punkten können. Dafür versuchen sie es mit den schönsten Versuchungen, die das Konditorenhandwerk hervorbringt, wieder gut zu machen. Und schon wären wir beim nächsten Grund gegen Wolfenbüttel, denn:

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3. Die Konditorenschule hat dicht gemacht

Wie groß war meine Vorfreude, als ich von einer Bundesfachschule für das Konditorenhandwerk las, die in Wolfenbüttel beheimatet sein sollte. Die Glücksgefühle währten allerdings nur kurz, denn: die berufsbildende Schule, die 1927 gegründet wurde, schloß im Jahr 2005 für immer ihre Pforten. In den fast 80 Jahren ihres Bestehens bildete die Wolfenbütteler Konditorenschule zahlreiche Meister des Konditorenhandwerks aus und war bis in die 1990er Jahre der einzige überbetriebliche Ausbildungsort für Konditoren in Deutschland. Die Schüler kamen aus aller Welt, auch aus Japan und den USA, denn seit ihrer Gründung war die Institution ein Vorbild für echte Konditorenkunst, weg vom bis daher vorherrschenden Zuckerbäckerstil hin zu neuen Prinzipien, die sich am Grundgedanken des Bauhaus in Dessau orientierten. Über die Jahre hinweg kamen immer weniger Schüler, um sich in der Konditorskunst ausbilden zu lassen, was die Schule letztendlich dazu bewog, dichtzumachen. Die Wolfenbütteler Lehre beieinflusst aber auch heute noch die moderne Konditorskunst. Und was mache ich nun mit dieser traurigen Entdeckung? Na, Frustessen na klar! Obwohl, dieser Begriff ist viel zu negativ geprägt für das, was Wolfenbüttel auch heute noch an Konditorkunst zu bieten hat. Besonders gut schmeckt es in der Wolfenbütteler Tortenkultur, weitere Cafétipps für Wolfenbüttel findest du hier.

Im Wolfenbütteler Bürgermuseum kannst du ein klein wenig von der Geschichte der Konditorenschule erfahren und die dort ausgestellten Tortenmodelle machen definitiv Lust auf das Original.

Lediglich was es mit der „Wolfenbütteler Torte“ auf sich hat, habe ich noch nicht herausgefunden. Davon habe ich irgendwann mal gehört, ich habe diese bestimmte Tortenart aber nirgendwo finden können. Die Wolfenbütteler Torte – Mythos oder Realität?

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4. Ein Coworking Space? Fehlanzeige!

Na gut, dann gibt es in Wolfenbüttel halt kein WIFI-Café, aber einen Coworking Space wird es doch sicherlich geben? Ohne meinen Laptop bin ich schließlich nicht ich selbst und worauf soll ich denn sonst den ganzen Tag starren…auf die schönen Fachwerkhäuser etwa? Ne, ne, ich will Youtube, Facebook, Instagram. Und selbstverständlich auch arbeiten, schließlich sind wir Reiseblogger doch alle halbe digitale Nomaden. Tja, Pustekuchen. In Wolfenbüttel gibt es keinen Coworking Space – oder zumindest habe ich keinen gefunden. Und wie komme ich jetzt an meine so dringend benötigte tägliche Dosis an Information?

Die Wolfenbütteler haben sich dafür etwas ganz Verwegenes ausgedacht, mit dem man sich beschäftigen und weiterbilden soll: Bücher. Und die gibt es in Wolfenbüttel in jeglicher Form: alt, hinter Glasscheiben und teilweise sehr teuer: die Herzog August Bibliothek ist eine weltweit bekannte Bibliothek, die einen bedeutenden Bestand von Büchern aus dem Mittelalter und der Frühzeit besitzt. Auch deutsche Drucke aus dem 17. Jahrhundert sind in der HAB zu finden sowie ein weiteres Werk von unschätzbarem Wert: Das Evangeliar Heinrichs des Löwen, das um 1188 entstand, wird in der HAB in Wolfenbüttel aufbewahrt. Wenn du dich eher für neuere Werke interessierst, dann wirst du in der sehr gut sortierten Buchhandlung Steuber fündig. Und falls du ein Herz für ausgesetzte Bücher hast, dann schau‘ doch mal in der roten Telefonzelle Am Alten Tore/Ecke Neustraße vorbei: in diesem öffentlichen Bücherschrank darfst du dir ein Buch aussuchen und einfach mitnehmen. Auch cool: Die Geschichte der Stadt kannst du dir ganz entspannt als Comic aneignen, der zum 900-Jahres-Jubliäum der Stadt von Illustrator Tobi Wagner gestaltet wurde.

 

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5. Alles ganz schön alt hier

Wokenkratzer, Glas, Beton, Stahl oder einen nicht fertigwerdenden Hauptstadtflughafen – gibt’s nicht. Stattdessen trumpft Wolfenbüttel mit so ziemlich allem auf, was eine Renaissance-Stadt ausmacht: dem Wolfenbütteler Schloss, architektonisch interessanten und wunderschön anzusehenden Bauten wie die St. Johannis-Kirche, Trinitatskirche und die St. Marien-Kirche, die Neue Kanzlei, das Zeughaus sowie unzähligen Fachwerkhäusern. Ganz ehrlich, die Wolfenbütteler Innenstadt scheint teilweise noch im 16. oder 17. Jahrhundert stehengeblieben zu sein, wer will denn so eine authentische, gut erhaltene und restaurierte Altstadt haben? Die Japaner vielleicht? Die Wolfenbütteler haben es noch nichtmal hinbekommen, alle Reste des niederländischen Grachtensystems zu entfernen, wie man in Klein Venedig sehen kann. Das freut wiederum die Holländer…na gut, so ganz abscheulich ist es ja nun auch wieder nicht.

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6. Der schlimmste Kater meines Lebens – Wolfenbüttel ist schuld

Es war vor ungefähr 10 Jahren, als ich erfuhr, dass Jägermeister mitnichten eine Flüssigkeit ist, die lediglich ältere Herren in Lodengrün als Verdauungsgetränk zu sich nehmen. Mein damaliger schottischer Mitbewohner Andy klärte mich darüber auf, dass „Jägerbomb“ das In-Getränk in Schottlands Bars sei. Jägerbomb, was soll das sein? Ganz einfach: ein simpler Longdrink, der aus einem (oder zwei, oder drei) Shot Jägermeister sowie einem Energydrink besteht. Der Geschmack: „interessant.“ Die Wirkung: fatal. Ich weiß jetzt, warum die Britinnen auch bei Minusgraden im kurzen Rock und mit offenen Schuhen auf der Straße vor dem Pub stehen: die haben garantiert alle ein paar Jägerbombs intus! Was das jetzt alles mit Wolfenbüttel zu tun hat? 1934 wurde der Kräuterlikör in Wolfenbüttel von Curt Mast erfunden und auf den Markt gebracht. Auch heute noch wird Jägermeister in Wolfenbüttel produziert und geht von dort aus in die ganze Welt. Übrigens, man muss ich mit Jägermeister nicht zwingend sinnlos besaufen. Das Rilano 24/7 Hotel z.B. bietet ein Jägermeister Paket an, inklusive Werksführung. Jägermeister, in Maßen: eine durchaus feine Sache, aber Freunde werden der Kräuterlikör und ich in diesem Leben wohl nicht mehr. Wenn du dich auf die Spuren des weltberühmten Getränks machen willst, kannst du eine Jägermeister Führung direkt beim Unternehmen buchen.

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7. In Wolfenbüttel werden komische Trendsportarten betrieben

Was muss ich da auf der Website von Wolfenbüttel Tourismus lesen? „Angebot für sportlich und kulturell interessierte Gäste mit gesundem Appetit: Lernen Sie während eines unterhaltsamen Stadtbummels unsere Wolfenbütteler Altstadt kennen, genießen Sie ein leckeres Mittagessen und spielen Sie anschließend eine Runde Discgolf in unserem mitten in der City gelegenen Seeliger Park.“ Wait, what? Discogolf? Ach ne, Discgolf. Um zu verstehen, was das ist, musst ich erst einmal Wikipedia bemühen. Discgolf : wie Golf, nur mit Frisbees. Aha. Ist Discgolf das neue Crossgolf? Muss ich das jetzt können? Was, wenn mir die Scheibe an den Kopf fliegt? Vielleicht hast du ja Lust, Discgolf auszuprobieren und mir davon zu berichten. Ich habe diese neue Trendsportart wohl verpasst und bin stattdessen in Wolfenbüttel laufen gegangen. Und das kann man dort ziemlich gut. Direkt von meinem Hotel aus ging es in nur wenigen Schritten an den Stadtgraben und von dort in die Okerwiesen, zurück zu den Wallanlagen, wo man, wenn man magt, noch etwas Extratraining beim Outdoor-Fitnessparcours einlegen kann. Obwohl ich nur wenige Minuten von der Innenstadt entfernt war, hatte ich zuweilen das Gefühl, einen echten Trailrun zu laufen…Matsch und unebenes Gelände inklusive. Das macht definitiv Lust auf mehr, denn wer hätte gedacht, dass Wolfenbüttel ein Paradies für Läufer ist? Etwas weiter außerhalb locken das Lechlumer Holz oder der Oderwald, wo du zudem dein Höhentraining absolvieren kannst, denn der Hungerberg ist mit seinen 205 Metern über normalnull die höchste Erhebung der Gegend. Mehr über die besten Laufstrecken in Wolfenbüttel erfährt du im Stadtblog echtlessig.

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8. Kein Sonnenaufgang

Das ist nun wirklich ein dickes Ding. Ein großer Fokus liegt bei Tracks and the City, neben dem Laufen, auf dem Thema Sonnenaufgang. Und da hat sich Wolfenbüttel nun tatsächlich erdreistet, mir an meinem Wochenende einen schönen Sonnenaufgang zu verwehren. Die Morgen waren grau und von einer aufgehenden Sonne fehlte leider jede Spur. Stattdessen wagte sich die Sonne dann später raus, weswegen einige andere Reiseblogger und ich uns gezwungen sahen, eine Barcamp-Session zu schwänzen, um am Wolfenbütteler Beach bei einem Drink zu relaxen. Tja, Wolfenbüttel, wie willst du das wieder gutmachen, dass ich hier nicht zu meinem Sonnenaufgang kam?

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Fazit: Lohnt sich eine Reise nach Wolfenbüttel?

Lessing hat sich gelangweilt, und das wirst du dich bei deinem Besuch auch. Lessinghaus: langweilig. Herzog August Bibliothek: langweilig. Pittoreske Altstadt mit unzähligen wunderschönen Fachwerkhäusern: langweilig. Nur wenige Minuten Fahrt nach Braunschweig: langweilig. Bürgermuseum: langweilig. Zahlreiche Cafés mit traumhaften Tortenkreationen: langweilig. Top-Laufstrecken im Grünen: langweilig.

Wenn du bis hierhin gelesen hast, dann hast du hoffentlich auch zwischen den Zeilen gelesen und gemerkt, dass ich es in Wolfenbüttel rein gar nicht langweilig fand. Wie so viele der anderen Reiseblogger war ich extrem positiv überrascht und habe mich tatsächlich ein wenig in Wolfenbüttel verliebt. Ich bin dem Barcamp sehr dankbar, dass es sich für seine diesjährige Location einen Ort ausgesucht hat, den vielleicht nicht jeder auf der places-to-see-before-you-die-Liste stehen hat. Obwohl, nach unseren vielen Blogbeiträgen vielleicht jetzt schon. Und ich kann dir an dieser Stelle versichern, dass diese Blogposts tatsächlich aus purer Überzeugung entstanden sind – eine Verpflichtung, über Wolfenbüttel zu bloggen, hatte nämlich keiner von uns.

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Lies‘ mehr über die Lessingstadt und erfahre mehr über Wolfenbüttel Reisetipps bei meinen Reiseblogger-Kolleginnen und -Kollegen:

Reiseblogger BarCamp in Wolfenbüttel von GoOntravel.de

Japan in Wolfenbüttel von nippon insider

Das schmale Haus in Wolfenbüttel von Burgturm

Die mit den Wölfen tanzt von Audrey im Wanderland

Reiseblogger Barcamp in Wolfenbüttel von Genussbummler

Wochenendreise in Wolfenbüttel von Try To Travel by Lara

Auf der Suche nach der schönsten Stadt Deutschlands von Breitengrad 66

Altstadt von Wolfenbüttel von von Ort zu Ort 

 

Das erwähnte Zitat des Briefs Lessings stammen aus: Gotthold Ephraim Lessing: Werke und Briefe in zwölf Bänden. Hrsg. von Wilfried Barner. Briefe von und an Lessing. Bd. 11/1, 11/2, 12. Frankfurt am Main 1987, 1988, 1994.