Zuletzt aktualisiert am 20. September 2026
Fort Lauderdale stand nicht auf meiner Liste. Als klar wurde, dass mich der Job dorthin führen würde, war ich weder besonders aufgeregt noch voller Vorfreude. Am Ende bin ich mit einem ganz anderen Bild von diesem Teil Südfloridas wieder abgereist, als ich erwartet hatte.

Fort-Lauderdale-Klischees (in meinem Kopf)
Florida gehört nicht zu den Teilen der USA, die mich interessieren. Ich mag den Osten, New York States mit den Finger Lakes und Thousand Islands, den tiefen Süden mit Mississippi und Tennessee und auch Chicago liebe ich sehr. Florida hatte für mich immer etwas von Reisebus und Frühstücksbuffet, ein Ziel für deutsche Rentner, viel Sonne, wenig Substanz, dachte ich zumindest. Große Hitze mag ich grundsätzlich nicht, hohe Luftfeuchtigkeit noch weniger, und in Fort Lauderdale gibt es im Mai beides gleichzeitig. Ohne Klimaanlage würde hier niemand funktionieren. Fort Lauderdale kannte ich außerdem fast nur als den Ort, von dem aus Kreuzfahrtschiffe ablegen. Miami hat den Glamour, mit seiner Skyline und den Art-Déco-Fassaden am Ocean Drive, Key West hat die Gelassenheit, mit Sonnenuntergängen am Mallory Square. Und mittendrin liegt Fort Lauderdale, das es selten auf die erste Wunschliste für Florida schafft.
ipw 2026 in Fort Lauderdale
Ich bin nicht im Urlaub in Florida, sondern beruflich, und das auch eher zufällig. Die IPW ist die größte Reisefachmesse der USA, veranstaltet von der US Travel Association, jedes Jahr in einer anderen Stadt, mit rund 5.000 Delegierten aus mehr als 60 Ländern und drei Tagen durchgetakteten Terminen. 2026 ist Fort Lauderdale an der Reihe, 2027 zieht die Messe weiter nach New Orleans. Wo die IPW stattfindet, sucht man sich als Teilnehmerin nicht aus.
Mein Hotel, das Fort Lauderdale Marriott Harbor Beach Resort & Spa, liegt direkt am Strand, nur wenige Gehminuten vom Las Olas Boulevard entfernt. Das Messezentrum selbst liegt gut zwei Kilometer entfernt, kein Spaziergang, eher eine kurze Uber-Fahrt. In den kurzen Pausen zwischen den Konferenzterminen reicht die Zeit gerade für eine Erfrischung im Pool des Hotels, aber genau das hält einen wach.
Kreuzfahrtschiffe, Spring Break und Yachten
Meine vorgefertigte Meinung über Fort Lauderdale kommt nicht aus dem Nichts. Fort Lauderdale ist eines der größten Kreuzfahrt-Drehkreuze der Welt, Port Everglades fertigt jährlich Millionen Passagiere ab. Nach dem Kinofilm „Where the Boys Are“ von 1960 wurde die Stadt außerdem zur amerikanischen Spring-Break-Hauptstadt, bis sie in den 1980ern genug hatte und die Partys aktiv nach Daytona und später Cancún verdrängte. Gefeiert wird trotzdem noch: Die Spring-Break-Saison läuft von Ende Februar bis Mitte April, mit dem Höhepunkt im März, heute aber deutlich kleiner und reglementierter, mit Alkoholbeschränkungen am Strand und mehr Polizei als früher.
Neben dieser Vergangenheit hat sich die Stadt ein zweites Gesicht aufgebaut: gepflegt, mit mehr als 300 Kilometern Kanälen, die ihr den Beinamen „Venice of America“ eingebracht haben, und dem Titel eines der bedeutendsten Yachthäfen der Welt.
Fort Lauderdale ist dabei besser als sein Ruf, gerade in einem Punkt, den man nicht erwartet: Schon Ende der 1950er Jahre bildete sich hier eine sichtbare queere Community, 1965 listete ein bekannter Reiseführer für schwule Reisende vier Bars in der Stadt. 1976 sorgte das Marlin Beach Hotel, das gezielt queere Gäste ansprach, für eine landesweit beachtete Kontroverse, einer der Momente, in denen sich die Community in Fort Lauderdale erstmals öffentlich zur Wehr setzte. Bis heute gehört die Region zu den offensten der USA, die Nachbarstadt Wilton Manors wählte 2018 als erste Stadt Floridas einen komplett LGBTQ-besetzten Stadtrat.
Der Moment, in dem ich nachgegeben habe
Zwischen dem Konferenzprogramm und den Abendveranstaltungen bleibt mir eine Stunde. Die nutze ich, um am Pool des Hotels die Füße ins Wasser zu hängen und mich einfach fallen zu lassen: in die Sonne, in die Leichtigkeit, in die Freundlichkeit der Menschen hier, in diesen ganz bestimmten Beach-Vibe, den Fort Lauderdale hat.
Was ich über die Jahre irgendwie total vergessen hatte, und was mir jetzt hier wieder klar wird: Ich liebe Palmen. Das Rascheln, wenn sich ihre Blätter im Wind wiegen, ach, überhaupt, ihr Anblick! Palmen gibt es in Fort Lauderdale überall, am Strand, zwischen dem Las Olas Boulevard und dem Meer, vor den Hotels. Die wenigsten davon sind allerdings tatsächlich einheimisch. Floridas einzige wirklich ursprüngliche Palme ist die Sabal-Palme, der offizielle Staatsbaum. Die meisten der hoch aufragenden, schlanken Palmen, die das Bild der Stadt heute prägen, kamen erst mit dem Tourismusboom Ende des 19. Jahrhunderts ins Land, gepflanzt, um genau das Bild vom tropischen Paradies zu erzeugen, das Fort Lauderdale bis heute verkauft.
Unweit meines Hotels, an einem kleinen Platz am Las Olas Boulevard, direkt am Übergang zum Strand, finden zwei Märkte statt. Freitagnachmittag bis abends läuft der Music & Makers Market mit handgemachten Waren, parallel zur Konzertreihe Friday Night Sound Waves. Samstagmorgens bis nachmittags folgt der Farmers, Antiques and Artisan Market mit frischem Gemüse, Käse, Gebäck, Pflanzen und Kunsthandwerk. Ich hätte gern mehr Zeit zum Stöbern gehabt. Was hier angeboten wird, sieht durchweg schön aus.
Der Strand vor dem Hotel zeigt morgens und abends zwei völlig verschiedene Gesichter. Morgens gehört er den Sportlichen: mehrere Läuferinnen ziehen dicht hintereinander vorbei, jemand macht Liegestütze, während ihm die Wellen fast die Hände erreichen. Abends herrscht ein komplett anderes Bild Ein giftgrüner Lamborghini Huracán Spyder rollt mit offenem Verdeck im Schritttempo die Promenade entlang, dahinter zwei Motorräder, so laut, dass Gespräche kurz verstummen. Schaulaufen bei den Menschen, und ja, es ist auffällig: In Fort Lauderdale scheint es besonders viel schöne Menschen zu geben. Aus Autos und von Balkonen ballert Musik, am Strand wird gegrillt, getanzt, gelacht.
Am Strand von Fort Lauderdale wurde Geschichte geschrieben
Auf einem der Spaziergänge entdecke ich zwei Schilder kurz hintereinander. Das erste, schwarz mit weißer Schrift: „Fort Lauderdale Beaches Wade-Ins.“ Am 4. Juli 1961 begannen die NAACP-Vorsitzende Eula Johnson und der Arzt Dr. Von D. Mizell hier eine Reihe stiller Proteste gegen die Rassentrennung an den Stränden der Stadt. Bis zu 200 Menschen nahmen in den folgenden Wochen teil. Die Stadt verklagte die Organisatoren, um die Proteste zu stoppen, verlor aber: Am 11. Juli 1962 entschied ein Richter gegen Fort Lauderdale, die Strände wurden entsegregiert, ein Wendepunkt für den gesamten Broward County. Seit 2011 ist die Stelle als Florida Heritage Landmark ausgewiesen.
Das zweite Schild gilt Diana Nyad. Aufgewachsen in Fort Lauderdale, trainierte sie als Kind in den Pools der Stadt. Mit 24 durchschwamm sie als erster Mensch den Ontariosee von Nord nach Süd, in 18 Stunden und 20 Minuten. Fünf Anläufe über 35 Jahre kostete sie der Versuch, ohne Haikäfig von Kuba nach Florida zu schwimmen. 2013 gelang es, mit 64 Jahren, nach 52 Stunden und 54 Minuten im Wasser. Als sie in Key West aus dem Meer stieg, sagte sie einen Satz: „Never ever give up.“
Wer hier spazieren geht, sollte nicht nur geradeaus schauen, sondern auch auf den Sand. Von März bis Oktober ist in Fort Lauderdale Nistsaison für Meeresschildkröten: ab Anfang März legen Lederschildkröten ihre Eier, ab April folgen Unechte Karettschildkröten, ab Mai und Juni auch Suppenschildkröten. Markierte Nester liegen oft nur wenige Meter von der Promenade entfernt. Nach rund zwei Monaten schlüpfen die Jungtiere und orientieren sich am helleren Horizont über dem Meer, künstliches Licht lockt sie in die falsche Richtung. Deshalb wurde auch unsere ipw-Abschlussparty eigens vom Strand weg verlegt, damit die Schildkröten ihre Ruhe haben.

Was man in Fort Lauderdale gesehen und erlebt haben muss
Wer zum ersten Mal hier ist, sollte sich neben Strand und Promenade für vier weitere Seiten der Stadt Zeit nehmen.
Kunst und Kultur
Das NSU Art Museum zeigt internationale und lateinamerikanische Kunst auf einem Niveau, das man hier nicht erwartet. Das FAT Village Arts District mit seinen Wandbildern und Ateliers wirkt wie ein kleiner Gegenentwurf zur Yachthafen-Postkarte.
Kanäle
Wer die Kanäle sehen will, die der Stadt den Beinamen „Venice of America“ eingebracht haben, kommt mit dem Wassertaxi am weitesten. Es verbindet mehrere Stationen entlang des New River und der Kanäle und lässt sich auch für eine einfache Fahrt nutzen.
Las Olas Boulevard
Am Las Olas Boulevard sind die Restaurants abends bis auf den letzten Platz mit Touristen gefüllt, laut, poliert, auf den ersten Blick genau das Bild, das man von einer Beachtown erwartet. Wenn man sich drauf einlässt – und dazu musste man mich nicht lange überreden – kann hier sehr viel Spaß haben, und erstaunlich gut essen, z.B. Tex-Mex oder Seafood.
Ausflug in die Everglades
Zum Programm der IPW gehört auch ein Ausflug in oder rund um Fort Lauderdale. Ich entscheide mich für eine Tour in die Everglades, mit dem Airboat. Die Naturschützerin Marjory Stoneman Douglas prägte den Begriff „River of Grass“ für die Everglades: kein Sumpf im klassischen Sinn, sondern ein extrem langsam fließendes, flaches Wassersystem. Man merkt es erst, wenn man mittendrin sitzt: keine Grenze zwischen Wasser und Land, nur Gras, so weit das Auge reicht. Der Propeller des Airboats durchbricht meine kontemplative Stille Bei diesem Lärm frage ich mich, wie sich Lana Del Rey in einen Alligator-Tourguide wie Jeremy Dufrene verlieben konnte? Der Alligator zeigt sich mir nicht, vermutlich ist ihm das ebenso unangenehm wie mir (und im Gegensatz zu mir bekommt er keine Ohrstöpsel). Wer eine Tour bucht, sollte vorher genau prüfen, ob Alligatoren angefasst oder für Fotos hochgehalten werden, das ist längst nicht überall ausgeschlossen.
Mein Fazit: Fort Lauderdale – ja oder nein?
Für wen lohnt sich Fort Lauderdale? Für alle, die drei, vier entspannte Tage Strand, Sonne und ein bisschen Yacht-Glamour wollen, ohne sich auf die volle Dichte von Miami einzulassen. Für alle, die ohnehin einen Kreuzfahrtstart in Port Everglades vor sich haben oder die berühmte Overseas Highway bis Key West fahren wollen, gut 200 Meilen und gut fünf Stunden reine Fahrzeit, die sich locker auf mehrere Tage verteilen lassen. Wer auf großes Nachtleben und die ganz große Bühne aus ist, ist in Miami besser aufgehoben, eine gute Autostunde südlich. Für einen zweiwöchigen Florida-Urlaub reicht die Stadt allein nicht, für drei, vier entspannte Tage dagegen genau richtig.
Ich wollte Florida nicht mögen. Und vor allem Fort Lauderdale hat mich nicht interessiert. An einem Abend fragt mich jemand, ob ich mitkommen will, in ein Thai-Restaurant, das wirklich besonders sei. Mit zwei Begleitern fahre ich hin: das Suan Thai & Japanese (290 N Federal Hwy, Victoria Park), zwanzig Minuten mit dem Uber von Las Olas entfernt. Kein poliertes Design wie an der Touristenmeile davor, sondern ein Family-Style-Lokal, unprätentiös, sympathisch, ein bisschen schrullig. Ich weiß sofort, dass das hier ein besonderer Ort ist. Rappelvoll bis in die letzte Ecke, wir bekommen gerade noch einen Tisch. Meine Begleiter schwärmen vom Papaya-Salat, und als Krönung serviert man mir den besten Sticky Mango-Reis meines Lebens. Ich esse Sticky Mango überall, wo ich die Gelegenheit bekomme, doch so gut hat er mir noch nie geschmeckt.
Sehr zufrieden – ich würde sogar fast behaupten glücklich! – über das gute Essen, verlasse ich das Restaurant und fahre mit dem Uber zurück zum Hotel. Auf dem letzten Stück laufe ich noch eine Weile am Strand entlang Vielleicht war Florida, und damit auch Fort Lauderdale, genau das, was ich gerade gebraucht habe.
Anreise nach Fort Lauderdale
Der Flughafen Fort Lauderdale-Hollywood International liegt nur wenige Kilometer von Strand und Innenstadt entfernt, deutlich näher als in den meisten vergleichbaren US-Städten.











