Fast hätte ich sie nicht erkannt, denn ich hatte mich auf eine Brünette mit kurzem Lockenkopf eingestellt. So sieht Janine auf einem der aktuellen Fotos auf ihrem Blog #fuckoffhenry aus. Im Café in Berlin-Prenzlauer Berg, in dem wir an einem Montagmorgen verabredet sind, kommt mir stattdessen eine gut gelaunte Blondine mit glatten Haaren und Pferdeschwanz entgegen. Nachdem wir uns begrüßt haben, braucht Janine erstmal einen kleinem Moment für sich. Noch bevor sie den ersten Schluck Kaffee trinkt, schlägt sie die Berliner Morgenpost auf und sucht auf der Seite mit den Ergebnissen vom Berliner Halbmarathon ihren Namen. „Da bin ich ja!“ freut sie sich. Bei einer Zeit von 2:28:23 gebührt ihr Platz 7.534. Am Tag zuvor ist Janine ihren ersten Halbmarathon gelaufen. Überhaupt ist es das erste Mal in ihrem Läuferleben, dass sie so eine lange Strecke gelaufen ist. Jeder, der das schon einmal erlebt hat, kann wahrscheinlich nachvollziehen, welche Gefühle dabei auf einen einprasseln. Bei Janine schlugen die Emotionen dabei noch etwas höher. Denn es gab eine Zeit in ihrem Leben, da kostete sie selbst der Gang durch ihr Zimmer allergrößte Mühe.

Erzähl mal, wie ist es Dir gestern beim Halbmarathon ergangen?

Es ist einfach unbeschreiblich. Die längste Distanz, die ich davor gelaufen bin, waren 18 Kilometer. Ich hab mir auch überhaupt keinen Druck gemacht. Mir war es wichtig, entspannt anzukommen und hab’ mir vorgenommen, zwei bis drei Gehpausen einzulegen, wenn es nicht mehr geht. Und dann bin ich irgendwie doch komplett durchgelaufen und hatte nicht das einzige Mal das Gefühl, dass ich stehenbleiben müsste. Das ist Wahnsinn, denn eigentlich sind gestern zwei wichtige Komponenten weggefallen: meine Laufpartnerin, die leider krank geworden ist, und die Kopfhörer, die ich sonst immer trage, hier aber nicht erlaubt waren.

Wo hast Du Dir die mentale Stärke hergeholt, das Rennen dennoch durchzustehen?

Die Leute, die mich angefeuert haben. Ich habe viele Freunde an verschiedenen Stellen positioniert. Ganz toll war es bei Kilometer 16 – ich wusste, ab da könnte es schwierig für mich werden. Genau da standen dann meine Freundin, ihr Mann und ihr Kind. Wir sind uns kurz in die Arme gefallen, haben hysterisch gekreischt und das hat mich nochmal so richtig gepusht. Aber auch die Menschen an der Strecke, die einfach meinen Namen gerufen haben, weil sie ihn auf meiner Startnummer gesehen haben. Das Gefühl ist einfach unfassbar. Wenn ich jetzt davon erzähle bin ich immer noch total euphorisiert.

Dass Janine einen Halbmarathon läuft, dass sie überhaupt so fit, gesund und voller Energie ist, das ist nicht selbstverständlich. 2013, im Alter von 31 Jahren, wurde bei ihr ein bösartiger Tumor mit der komplizierten Bezeichnung “Non-Hodgkin Lymphom” entdeckt. Die Diagnose Lymphknotenkrebs stellt ihr ganzes bisheriges Leben auf den Kopf. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, was solch eine Diagnose für eine junge Frau bedeutet. Ihr positives Wesen hat sicherlich einen großen Anteil daran, wie Janine durch diese schwere Zeit gekommen ist. Statt sich zu verkriechen oder die Angst gewinnen zu lassen, entschied sie sich für Konfrontation. Der Tumor bekam mit „Henry“ einen Namen und wurde gebeten, sich doch bitte umgehend zu verpissen. Auf ihrem Blog #fuckoffhenry kann man das alles nachlesen. Auch, dass Janine nach zwei Jahren Krankenhaus- und Reha-Maßnahmen heute wieder ganz normal am Leben teilnimmt.

Bist Du eigentlich schon immer gerne gelaufen?

Nee, überhaupt nicht. Ich fand Laufen immer extrem langweilig. Ich hab das ein paarmal auf dem Laufband ausprobiert und hab’ mich gefragt, „Wie können denn manche Leute nur laufen?“ Früher war ich eher ein Teamsportler und hab zum Beispiel Handball gespielt. Aber Laufen war nix für mich.

Wie kam es dann doch dazu, dass Du die Laufschuhe geschnürt hast?

Nachdem mit meiner Krankheit alles überstanden war, hab ich mich über den Zustand meines Körpers geärgert. Tests hatten ergeben, dass mein Stoffwechselalter das einer 48-jährigen war! Ich hatte ja durch das ganze Liegen überhaupt keine Muskeln mehr und auch ein total geschwächtes Immunsystem. Ich wollte unbedingt wieder fit werden und Muskeln aufbauen, also hab ich erstmal betreutes Training im Fitnessstudio angefangen. Ich musste ja wieder bei Null anfangen. Ich wollte nix falsch machen und meinen Körper nicht überstrapazieren. Auf einmal bin ich von den Geräten dann doch wieder auf’s Laufband. Als dass Display dann irgendwann 500 Meter angezeigt hat, war ich total happy.

Vom Laufband auf die Straße, das war der nächste Schritt?

In der Reha hatte ich mit Nordic Walking angefangen, da war mir schon klar, dass mir das Laufen draußen viel mehr Spass macht als das Laufband. Zu der Zeit hatte ich mich parallel bereits für die Krebsstiftung Berlin engagiert. Und als ich dann draußen war, hatte man mich angefragt, ob ich Lust hätte, den Avon Frauenlauf zu eröffnen, also den Startschuss für den 5-km-Lauf zu geben. Klar habe ich da gleich zugesagt – und mir gedacht, wenn ich ihn eröffne, dann möchte ich ihn auch laufen!

Wie sah Dein Training für den ersten 5k aus?

Die meiste Zeit fand das Training tatsächlich immer noch im Studio statt. Es war ein sehr langsamer Aufbau, immer mit Kontrolle der Herzfrequenz und vielen Gehpausen zwischendurch. Es war wirklich sehr, sehr anstrengend, aber ich hab’ mir einfach Zeit gelassen. Die ersten 5 Kilometer sind die schlimmsten, aber irgendwann hatte ich es dann gepackt. Das wichtige dabei war, mir immer kleine Etappen-Ziele zu stecken. Diese Messbarkeit hat mich angefixt, immer weiterzumachen.

Was bedeutet das Laufen für Dich?

Das Laufen war und ist für mich extrem wichtig, um meinen Körper wieder zu spüren. Es war wirklich ein Lauf zurück ins Leben, zurück zu meinem Körper. Das Laufen hat mich so gepackt, weil ich behutsam dabei vorgehen kann, mir selbst die Strecke und Intensität aussuchen kann.

Wo läufst Du am liebsten?

Mittlerweile laufe ich nur noch draußen. Vom Fitnessstudio habe ich mich abgemeldet. Am liebsten laufe ich in der Natur, am See. Ich muss raus an die frische Luft! Ich laufe jeden zweiten Tag, am liebsten am Plötzensee oder Rehberge.

Bist Du ein Einzel- oder Gruppenläufer?

Ich bin ein Paarläufer! Ich hab schon ein paar Laufcommunities ausprobiert und finde die Idee dahinter auch ganz toll. Ich war auch bei einem Vortrag des Nike-Run-Club zur Halbmarathon-Vorbereitung. Da hat Orthopäde über die Beschaffenheit des Fußes erzählt, wie man sich richtig dehnt…alles sehr interessant. Aber irgendwie sind diese Laufgruppen nix für Anfänger und es kann ganz schön frustrierend sein, wenn man nicht schnell genug ist. Mittlerweile laufe ich meist zu zweit, ich habe zwei feste Laufpartnerinnen. Und wir laufen wirklich easy, meist im 7er-Schnitt, weil wir die ganze Zeit dabei quatschen. Die beiden habe ich mit dem Laufen angesteckt – statt zum Kaffeetrinken treffen wir uns heute zum Laufen und updaten uns so über unser Leben.

Was sind deine sportlichen Ziele?

Den Marathon werde ich nicht laufen! Ich glaube, das ist auch nicht gesund für den Körper. Wenn ich da Blogbeiträge von Leuten lesen, die mit blutigen Füßen ins Ziel reingekrochen sind…nein Danke! Mein nächstes Ziel ist, den Halbmarathon nächstes Jahr schneller zu laufen! Ein bisschen schneller. Dieses Jahr mache ich nur noch einen Lauf, den Köhlbrandbrückenlauf in Hamburg am 3. Oktober. Ich bin sehr in Hamburg verliebt und das wird bestimmt ein ganz besonderer Lauf, auch weil diese Brücke nur noch bis 2030 bestehen und dann abgerissen werden soll.

Was möchtest Du anderen Läufern mitgeben?

Wir alle denken, wir sind unsterblich und leben nach dem Motto „immer schneller und weiter.“ Aber es gibt eine Endlichkeit. Es bringt nichts, seinen Körper zu schikanieren bis er irgendwann sagt, „ätschi bätsch, ich schick’ Dir jetzt nen Herzinfarkt,“ oder irgendwas in der Art. Geht gut mit Euch und Eurem Körper um.

Janine, vielen Dank für das Gespräch!

Avon Frauenlauf: Mitlaufen oder mit einer Spende unterstützen

Janine wird auch dieses Jahr wieder den Avon Frauenlauf am 21. Mai 2016 mitlaufen. Der Avon Frauenlauf, ist der größte Charity-Lauf und engagiert sich im Kampf gegen Brustkrebs gemeinsam mit der Berliner Krebsgesellschaft . Bei jeder Anmeldung über den SCC wird 1€ an die Berliner Krebsgesellschaft gespendet. Parallel dazu können Läuferinnen Charity-Teams gründen und Spenden sammeln. Hier könnt Ihr Janines Charity-Team #fuckoffhenry unterstützen: „Es ist ein ganz besonderer Lauf mit einer wichtigen Message. Viele Betroffene laufen mit und Freunde, die sie supporten. Da gilt wirklich ‘Dabeisein ist alles’. Das macht diesen Lauf so emotional und schön.“

Fonry: temporäre Tattoos mit hübschen Motiven

©fonry

©fonry

Neben ihrer Tätigkeit als Freelancerin im PR-Bereich designt Janine temporäre Tattoos. Ich bin vor allem ganz verliebt in die maritimen Motive und will unbedingt dieses kleine Papierschiffchen auf meinem Handgelenk haben! Die Idee entstand, weil sie sich gerne ein dauerhaftes Tattoo stechen lassen wollte, die Ärzte nach der Chemo aber davon abrieten. Deshalb hat sie unter dem Namen Fonry Tattoos entwickelt, die den Träger nur für eine Dauer von 2-5 Tagen begleiten. Zum Fonry-Shop geht es hier.

Unter der Kategorie #Laufliebe stelle ich inspirierende Läuferinnen und Läufer vor. Wenn Du auch Lust hast, mir über Dein Läuferleben zu erzählen, dann freue ich mich über eine Mail!