Ich weiß nicht, ob es dir ähnlich geht wie mir, aber ich habe eine unschöne Charakterschwäche: ich leide unter Laufneid. Dieses Gefühl ist genauso hässlich wie ein neongrünes Funktionsshirt und nagt am Selbstbewusstsein und der Lauffreude.

Ein fröhliches „Hallo!“ aus der Laufkrise

Das Tal der Laufkrise ist lang, dunkel und einsam. Wenn man sich mitten darin befindet, ist es nur sehr schwer, sich aus eigener Kraft wieder herauszuziehen. Was die Laufkrise, die ja eh schon keine tolle Sache ist, noch ein wenig unschöner macht, ist der Laufneid. Ich schäme mich für meine MIssgunst in Bezug auf andere, in deren Leben sowas wie fehlende Laufmotivation nicht zu existieren scheint. Kleinlich, ja sogar erbärmlich ist es, anderen Menschen ihre Freude am Laufen nicht zu gönnen.

laufneid zitat

Wenn ich selbst gerade nicht laufen kann oder will – sei es aufgrund einer Verletzung, wegen fehlender Motivation oder einfach falscher Prioritäten im Alltag, dann haben meine Freunde da verdammt noch mal mitzumachen. Statt vor der Arbeit eine Morgenrunde zu drehen sollen sie mich auf ein Croissant im Café treffen, statt des Abendlaufs wünsche ich mir ein Date beim Italiener.  Bloss nicht – unter gar keinen Umständen – sollen sie mich zu einem Lauf überreden. Der Fakt, dass ich aufgrund fehlender Fitness kaum mithalten könnte, würde meinen Laufneid innerhalb der ersten Schritte verzigfachen. „Wenn ich das nicht kriegen kann, dann sollst du es auch nicht haben“ – das sagen seltsam veranlagte Expartner und das sagt auch der Laufneider.

Social Media und Laufneid

Exponentiell gesteigert wird der Laufneid durch Social Media. Ich weiß, das Schimpfen auf Facebook, Instagram & Co. ist so 2018 – schließlich handelt es sich dabei ja nur um die Vermittler von Botschaften und ich kann mir ja selbst aussuchen, wem ich folge. Deshalb gebe ich offen zu: ein wenig Masochismus ist natürlich dabei, wenn ich mitten in der Laufkrise durch den Instagram Feed scrolle und bei fröhlich-verschwitzten Gesichtern und in die Kamera gehaltenen Medaillen oder Laufuhr-Displays hängenbleibe. Manchmal frage ich mich: vielleicht brauche ich ja diesen Schmerz, den dieser Anblick, gepaart mit den unermüdlich verwendeten Hashtags #runeverday #nevernotrunning #runningaddict oder #runhappy hervorruft?

Das Ding hat einen Namen: Race Pace Envy

Die härteste aller Laufneidereien kommt übrigens dann auf, wenn mein Laufpartner an einem Lauf teilnimmt, für den ich angemeldet war, ich letztendlich aber doch nicht angetreten bin. Um den dabei entstehenden Emotionen zu entkommen, hilft eigentlich nur die Flucht: weit weg vom Geschehen, am besten irgendwo hin, wo es zu heiß/zu kalt/zu nass/zu gefährlich zum Laufen ist. Die Realität sieht meist anders aus: mit zwei gespaltenen Persönlichkeiten bin ich vor Ort. Die bessere davon trägt einen Heiligenschein, steht an der Laufstrecke und unterstützt ihre Freundin – die andere Hälfte macht gute Mine zum bösen Spiel, denn im Inneren wird gerade eine ganze Symphonie voller negativer Gefühle gespielt. Dass ich mit diesen niedrigen Gefühlsregungen nicht allein bin, tröstet mich ein klein wenig. Im englischen Sprachgebrauch ist das sogar ein Ding: „race pace envy“ – neidisch sein auf den schnelleren Lauf einer anderen Person beim Wettkampf.

Lernen von Sex and the City

Seit Kurzem komme ich übrigens besser mit dem Laufneid klar. Ich habe mich einer Weisheit einer sehr klugen Frau zu eigen gemacht: Samantha Jones aus Sex and the City glaubt nämlich fest daran, dass es sie selbst schöner macht, wenn sie von schönen Menschen umgeben ist. Und das lässt sich doch ganz easy auf das Laufen übertragen: Fitness färbt ab! Da ist definitiv was dran: es heißt ja immer, dass man genau so wird, wie die fünf Menschen, mit denen man am meisten Zeit verbringt. Wenn ich also nur mit Leuten der Fraktion „Sport-ist-Mord“ abhänge, dann glaube ich irgendwann selber dran – und andersrum funktioniert das auch. Meine Laufschuhe lasse ich für heute dennoch im Regal stehen. Ich gehe jetzt Kuchen essen und wehe, an mir laufen fröhliche Jogger vorbei.