Gastbeitrag von Judith Radloff

Aufgeregt stehe ich vor dem Promotionsgremium meiner Uni. Das ist er. Der Moment, der meine Universitätskarriere endlich beenden wird. 30 Minuten später ist alles vorbei. Mit dem Doktortitel in der Tasche steh ich vor einem großen Nichts. In meinem aktuellen Job möchte ich nicht bleiben, weiß aber auch nicht wohin mit mir.

Einige Wochen später finde ich dann eine passende Anzeige, bewerbe mich und werde genommen. Ich habe nun genau vier Wochen Zeit um meinen Lebensmittelpunkt von Berlin nach Wien zu verlagern. Da ich eine kleine Minimalistin bin ist der Umzug samt Ein- und Auspacken in einer Woche über die Bühne gebracht und vor mir liegen drei freie Wochen .

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Drei Wochen auf dem Jakobsweg

Was tun mit der ungewohnten Freizeit?

Als klar war, dass ich noch drei Wochen Urlaub haben würde, stand schnell fest, dass ich den nicht in Berlin verbringen wollte. Ich hatte auf einmal richtig Lust alleine zu reisen und diese Chance zu nutzen. Lange habe ich überlegt ob ich Housesitten soll, habe mich dann aber letztendlich doch für den Jakobsweg entschieden und das aus einem ganz trivialem Grund: Dem Wetter.Schließlich kann man im September noch mit Sonnenschein in Spanien und Portugal rechnen und housesitten kann man auch im Winter.

Wieso Jakobsweg?

Ich wollte schon länger eine Langdistanzwanderung machen, bin aber eine faule Socke und wollte weder Zelt noch Isomatte mitschleppen. Ich kann durchaus auch die Vorteile von Dusche und Toilette würdigen, so dass mir klar war, dass ich eine gewisse Infrastruktur brauchen würde. Der Jakobsweg bietet dir genau das: Hier hast du einen perfekt ausgeschilderten Langdistanzwanderweg mit bezahlbarer Infrastruktur an der Strecke. Auch der Sicherheitsgedanke ist nicht zu vernachlässigen, denn auf dem Jakobsweg bist du definitiv nicht alleine unterwegs, auch wenn du alleine startest.

Wen triffst du auf dem Jakobsweg?

Der Durchschnittspilger auf dem Camino Portugues im September 2018 war die deutsche Frau zwischen 30 und 40, die aus nicht-religiösen Gründen pilgert. Das war mir vorher völlig unklar und passenderweise fiel ich selbst in diese Kategorie. Die gläubigen Pilger, die ich getroffen habe, konnte ich an einer Hand abzählen. Dies zeigt eigentlich nur sehr gut wie integriert der Camino in die europäische Kultur ist. 

Meine Bekanntschaften reichten von Frauen mit Burnout, Großmüttern mit Abenteuerlust bis hin zu rüstigen Rentnern, die ihren Frauen entfliehen und Frauen im meinem Alter, die einfach mal weg wollten.

Die Magie des Jakobswegs

Nach tagelangem Wandern und leben mit dem Nötigsten lernst du es dich über die kleinen Dinge zu freuen und genau das haben wir immer wieder erlebt.

Es gibt ein Sprichwort, das den Jakobsweg perfekt beschreibt: 

Der Jakobsweg gibt dir was du brauchst

Ein kleines Cafe mitten im Nirgendwo wenn dein Wasser zu Neige geht? Du wirst es finden. Eine Apotheke, wenn deine Blasenpflaster alle sind? Kein Problem! Eine Birne, wenn du schon den ganzen Tag Lust drauf hast?Oh ja, auch die wirst du finden.

Andere Menschen, die dich die Zeit vergessen lassen, die Kilometer zu Metern werden lassen und dir es ganz leicht machen auch mal zu reflektieren. 

Die gibts zu Genüge.

Im amerikanischen Podcast My Camino wird immer vom Camino Juju gesprochen, was es eigentlich ganz gut beschreibt. Es ist eine Art Magie, die dir genau im richtigen Moment zur Hilfe eilt. Eine Magie, die dir Tage, an denen du so gar keine Lust hast erträglich macht.

Eine Magie, die dich vergessen lässt, dass du gerade etwas tust von dem du eigentlich dachtest, dass du es nie tun würdest.Eine Magie, die dazu führt, dass du dein Ziel trotzdem erreichst.

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Die Magie des Jakobswegs hat auch mich getroffen

Bevor ich auf dem Camino unterwegs war, habe ich das alles für Blödsinn gehalten. Ich habe schließlich einen Doktor in Naturwissenschaften und glaube nicht an Hokus Pokus. Doch auch im kam in den Genuss der Magie des Jakobswegs.

Die vierte Etappe des Jakobswegs startete für mich nicht gut, ich hatte schon seit dem vorherigen Tag Fußschmerzen und hoffte, dass sich das heute geben würde. Leider merkte ich schon nach den ersten Kilometern, dass ein Weiterlaufen sehr unrealistisch war. So verließ ich den Rest meiner neu gewonnenen Pilgerfreunde und stieg in Seixas in den Zug. Hier musste ich nur 20 Minuten warten, auf einen Zug, der nur 4x am Tag fuhr. 

Die Wartezeit versüßte mir eine kleine weiße Schmusekatze. Ich bin ein totaler Katzenfan und habe auf dem gesamten Camino Katzenfutter mit mir rumgetragen. So war diese kleine Zusammenkunft für uns beide von der angenehmen Art. 

In Tui hat mein Fuß mich dann völlig im Stich gelassen. Glücklicherweise war meine Albergue aber direkt neben einer Physiotherapie Praxis. Dort waren sie Pilgerleid gewöhnt und nachdem die Physiotherapeutin bemerkt hat, dass ich zwar kein Spanisch spreche, medizinisches Latein aber intus habe, konnten wir zumindestens über den Zustand meines Fußes kommunizieren. Sie war mein kleiner Pilgerengel, denn nur dank ihrer Hilfe konnte ich nach zwei weiteren Pausentagen schmerzfrei weiterlaufen.

Dank diesen Stopps habe ich Tui besonders gut kennen gelernt und bin immer noch ganz verliebt in diese kleine spanische Stadt.

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Eine Birne auf dem Jakobsweg

Auch die oben genannte Birne war ein Beispiel für die Magie des Jakobswegs. Moni, eine Pilgerin, die ich zwei Tage vor Santiago kennen gelernt hatte, sprach schon den ganzen Tag von nichts anderem. Es musste unbedingt eine Birne sein um den täglichen Obstbedarf zu stillen. Leider haben wir in den lokalen Supermärkten keine gefunden. Dafür dann aber nach den ersten Kilometern. Eine perfekte Birne stand aufrecht, wie für Moni gemacht auf der Mauer, eines Gartens. Sowas kann einem ein richtiges Lächeln ins Gesicht zaubern.

Der letzte magische Moment ereilte mich am Tag vor meiner Abreise. Ich war nach einem kleinen Abstecher nach Finisterra und Muxia wieder in Santiago. Den Nachmittag verbrachte ich nach einer langen Dusche im Hostelbett. Hier sprach mich mein Bettnachbar an….zuerst war ich etwas abgeneigt, da ich nicht wirklich Lust auf Konversation hatte, schon gar nicht im Nachthemd, aber er schien nett und war mit seiner Mutter unterwegs, also war er hoffentlich kein Irrer.

Er erzählte mir, dass er seinen Jahresurlaub genommen hat um mit seiner Mutter zu pilgern, er selbst war nicht gläubig, seine Mutter wollte den Weg aber unbedingt wandern. Seine Mutter erzählte mir traurig, dass er nun wieder nach Monaco gehen würde, wo er arbeitete, während sie zurück nach Hause nach Serbien flog. Sie erzählte mir lange wie schrecklich es für Mütter ist, wenn die Kinder flügge werden, in andere Länder ziehen und man sich dadurch natürlich nur noch selten sehen kann.

Hier saß ich also in einem Hostelbett und sprach mit einer tieftraurigen Mutter, die ihren Sohn wieder ziehen lassen musste, weil er in einem anderen Land arbeitete, kurz bevor ich genau das Selbe tun würde…An diesem Abend rief ich meine Mutter an.

Erlebe auch du die Magie des Jakobswegs

Wenn du schon länger drüber nachdenkst den Jakobsweg zu gehen, kann ich dir nur empfehlen es zu tun. Zögere nicht, buche den nächsten Urlaub, nutz deine verbliebenen Urlaubstage und los geht’s.

Es müssen ja nicht die 800 Kilometer auf dem Camino franches sein. Schau dir den portugiesischen Camino an oder auch den kürzeren Camino Ingles.

Zweifle nicht, sondern lauf einfach los. Du wirst das schaffen und auch du wirst die Magie des Jakobswegs erleben. 

Über die Autorin

Judith war im September 2018 allein auf dem Camino Portugues unterwegs. Mehr Informationen zum Camino, Wanderungen und dem nachhaltigen Reisen findest du auf ihrem Blog Minimalist Travel