Wie immer verbringe ich die Zeit zwischen den Jahren am Ort meiner Kindheit. Im Alter von 0 bis 18 habe ich in einem kleinen Dorf am Bodensee gelebt und es stimmt wohl, was die Leute so sagen: du kannst das Mädchen aus dem Dorf holen, aber niemals das Dorf aus dem Mädchen. Wie das Aufwachsen so war in Böhringen und warum du unbedingt mal hier vorbeikommen solltest – meine Roots.

Meine Roots: Böhringen bei Radolfzell am Bodensee

Wo liegt Böhringen? Wenn du da googelst, schlägt dir Wikipedia gleich drei Orte vor – und alle liegen in Baden-Württemberg. Mein Böhringen liegt nordwestlich des Untersees, nahe der Mündung des Flusses Aach. Böhringen wurde ein Jahr, bevor ich geboren wurde, in die Stadt Radolfzell am Bodensee eingemeindet. Als ich in Böhringen aufgewachsen bin, lebten hier ungefähr 3.000 Menschen, mittlerweile sind es an die 4.200.

Aufwachsen in Böhringen

In Böhringen als Kind aufzuwachsen, war ziemlich cool. Im Alter von sechs Jahren kam man in die Grundschule und diesen Weg von knapp 700 Metern durfte ich ziemlich schnell ohne elterliche Begleitung gehen. Stattdessen war meine Freundin Alex dabei, die noch ein paar Meter weiter unten im Dorf wohnte.

Zur Schule ging ich damals ziemlich gerne, ich war gut im Aufsatzschreiben und Auswendiglernen, spielte gerne Theater und hatte auch damals schon nicht so viel Plan von Mathe und Handarbeiten. Nach der Schule hingen wir am Spielplatz ab oder wir guckten bei Alex heimlich die Horrorfilme ihres älteren Bruders.

Direkt gegenüber von unserem Haus wohnte Tanja, mit der ich im großen Garten die Kaninchen gefüttert habe und die ich sehr um ihre Dauerwelle beneidet habe, die sie als Lohn für ein Praktikum beim Friseur bekam. Tanja war nämlich ein Jahr älter und ging in eine höhere Klasse, deshalb war auch sie es, von der ich die „Bravo Girl“ und die „Mädchen“ bekam und die mich später dann auf die Schulparties der Älteren mitnahm.

Kindheit in Böhringen: ganz schön sportlich

Im Sommer gingen wir baden im „Böhringer Seele“, im Winter fuhren wir darauf Schlittschuh. Schlittenfahren lernten wir als Kind am „Wickenbuckel“, ein Hügel nahe des Hauses der Familie Wick, der mir heute lächerlich niedrig und flach erscheint, damals aber für eine rasante Abfahrt sorgte.

Um soziale Ausgrenzung zu vermeiden, musste man Mitglied im Turn- und Sportverein sein. Ich konnte kaum laufen, da war ich schon im Kinderturnen und ich beendete meine Vereinszugehörigkeit erst, als irgendwann das Abi und andere Interessen wichtiger wurden. Das Laufen spielte damals noch so gut wie keine Rolle, es war eher eine unangenehme Begleiterscheinung zu den „echten“ Sportarten wie Geräte- und Bodenturnen oder Jazzdance.

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Er kam uns damals unendlich groß vor: der Böhringer See

Verlagerung der sozialen Aktivitäten in die Stadt

Als ich dann auf das Gymnasium nach Radolfzell wechselte, änderte sich mein soziales Umfeld komplett. Plötzlich hatte ich Freundinnen aus der großen Stadt, die keinen breiten alemannischen Dialekt sprachen wie ich und die für mich total weltgewandt waren. Von da an war Böhringen nur noch mein Wohnort, mein restliches Leben fand im damals für mich sehr mondänen Radolfzell oder noch später im benachbarten Singen statt.

Eine Verbündete hatte ich aber noch in Böhringen. Anja wohnte im Oberdorf und hatte somit einen bedeutenden Vorteil: das Kabelfernsehen kam Jahre früher zu ihr ins Haus. Einen wesentlichen Kitt für unsere Freundschaft bildete das jahrelange gemeinsame Schauen von „Beverly Hills 90210“. Als wir dafür zu alt wurden, fuhren wir mit Anjas Seat Ibiza in die Kneipen und Clubs in die Umgebung – wobei wir „Umgebung“ sehr locker auslegten. Es gab sogar Abende, an denen wir die knapp 150 Kilometer nach Stuttgart und zurück fuhren, nur um im 0711-Club Hip Hop zu hören.

In meinem Kinderzimmer hingen Poster von meiner damaligen großen Liebe Tom Cruise (zur Zeit von „Die Farbe des Geldes“ und „Lockere Geschäfte“ war der tatsächlich mal cool!) und den New Kids on the Block, später dann von Kurt Cobain, Jim Morrison und den Beastie Boys. Vor unserer Garage stand mein eierschalfarbener Käfer namens „Elvis“, den ich von meinem Opa Franz geerbt hatte und den ich zur Zeit meines Abiturs ein gutes Jahr lang fuhr.

Die Böhringer Fasnet

Fasnacht ist in Böhringen und überhaupt am Bodensee sehr wichtig. In der fünften Jahreszeit stehen hier alle Kopf. Die schwäbisch-alemannische Fasnet ist komplett anders als zum Beispiel der Kölner Karneval und mit den ganzen Kostümen und Masken mitunter recht schaurig.

In Böhringen gibt es die Bengelschießer-Zunft, deren Ursprung bis zum Bauernaufstand Mitte des 16. Jahrhunderts zurückgeht – auch deshalb haben die Bengelschießer auch heute noch eine Kanone dabei. Der wichtigste Tag der Böhringer Fasnet ist zum einen der „Schmotzige Dunschtig“ und der Hemdglonker, ein abendlicher Umzug – im Nachthemd!

Ich war nie im Narrenverein, fand Fasnach aber trotzdem immer super. Vor allem der Part, wenn die Schule am Fasnachts-Donnerstag von den Narren befreit und die Lehrer gefesselt wurden – denn das bedeutete schulfrei für die gesamten Fasnachtsferien!

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Böhringer Hänsele beim Fasnachtsumzug

Darum solltest du Böhringen besuchen

Okay, seien wir ehrlich, das beste an Böhringen ist die Nähe zu Radolfzell. Böhringen zum Leben ist dagegen ein sehr attraktiver Standort: eine direkte Bahnverbindung in die größeren umliegenden Städte und in die Schweiz sowie die Nähe zum Bodensee und die Vulkanlandschaft Hegau. Touristische Highlights jedoch sind in Böhringen selbst eher nicht aufzufinden.

Mit St. Nikolaus hat Böhringen eine hübsche Kirche mit einem Zwiebelturm. Deren alter Barock-Teil stammt aus dem 18. Jahrhundert, dazu kam Mitte der 1950er Jahre ein Neubau. Hier gibt es auch noch einen alten Taufstein aus rotem Marmor, über dem ich getauft wurde.

Ebenfalls sehr pittoresk ist die kleine St. Ulrichs-Kapelle im Böhringer Hartwald. Die Kapelle wurde 1466 erstmals erwähnt und ist heute ideal für eine kleine Pause auf ausgedehnten Wanderspaziergängen.

Storchendorf Böhringen

Das wahre Highlight Böhringens befindet sich allerdings hoch oben über den Dächern des Dorfs: in Böhringen gibt es so viele Störche wie sonst fast nirgends in Süddeutschland. 37 Brutpaare wurden 2017 gezählt und das weiß ich so genau, weil mein Vater Storchenbeobachter ist und alles dokumentiert.

Von meinem Kinderzimmer aus hatte ich freien Blick auf mehrere Storchennester und ich wuchs mit dem Klappern der Störche auf. Später, als Teenie, hat es mich das ganz schön genervt, wenn ich eine lange Nacht hinter mir hatte und eigentlich nur ausschlafen wollte. Heute finde ich das Geklapper großartig.

Einem Großteil der Störche gefällt es hier so gut, dass sie sich den Winterflug in den Süden gleich ganz sparen. Bei meinem letzten Winterspaziergang Ende Dezember habe ich 15 Störche auf der Wiese gezählt!

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32 Storchennester gibt es in Böhringen

Kulinarische Spezialitäten aus Böhringen

Das Lieblingsessen meiner Kindheit waren die Knöpfle meiner Oma, die Kartoffelbällchen von Tante Vreni und der Käsekuchen meiner Mutter. Wenn du heute in Böhringen bist, dann würde ich dich zum Essen gehen wohl eher ins benachbarte Radolfzell schicken. In Böhringen bekommst du allerdings in der Bäckerei Schoch einen extrem guten Nussgipfel, von dem ich in Berlin immer träume.

Und, wer hätte das gedacht, mittlerweile gibt es in Böhringen sogar richtig guten Kaffee: im Café Total in der alten Ziegelei wird der Kaffee selbst geröstet.

Blogparade: Wo sind deine Wurzeln?

Nicht immer ist da, wo wir aufgewachsen sind, auch automatisch Heimat – vielleicht hat es sich über die Jahre auch einfach geändert. Meine Heimat, das ist mittlerweile Berlin. Hier habe ich seit über 20 Jahren meine Homebase, hier lebt mein soziales Umfeld, hier fühle ich mich einfach zu Hause. Aber meine Wurzeln, die sind am Bodensee, genauer gesagt in dem Dorf Böhringen, das zu Radolfzell gehört.

Ich möchte von dir wissen: wo sind deine Wurzeln? Erzähle mir vom Ort deiner Kindheit, wie er dich geprägt hat und was du heute mit ihm verbindest. Du kannst deinen Artikel entlang der folgenden Fragen aufbauen (das dient nur als Orientierung, natürlich ist dir frei überlassen, wie du deinen Blogpost gestaltest):

  • Wo bist du geboren?
  • Wo bist du aufgewachsen, hast die ersten Jahre deines Lebens verbracht?
  • Inwiefern hat dich dieser Ort geprägt?
  • Was waren deine Aktivitäten als Kind/Jugendliche(r) dort?
  • Hast du zu diesem Ort noch eine Verbindung?
  • Wie oft besuchst du den Ort deiner Wurzeln (oder lebst du gar noch dort?)
  • Was waren deine Träume als Kind/Jugendlicher? Was wolltest du werden, wie und wo wolltest du leben?
  • Warum sollte man diesen Ort unbedingt einmal besuchen?
  • Gibt es da besondere kulinarische Spezialitäten?
  • Was macht man als Tourist dort?

Die Blogparade läuft bis Ende Februar 2019. Wenn du mitmachen magst, kommentiere doch hier mit deinem Blog bzw. schicke einen Link zu deinem Blog, sobald der Artikel online ist. Verlinke bitte diesen Post zur Blogparade in deinem Artikel. Der Hashtag für diese Blogparade lautet: #meineroots