Berlinale 2016, Teil 2: Südkorea auf der Berlinale

Letzten Herbst habe ich ein paar Wochen in Südkorea verbracht, hauptsächlich in der Hauptstadt Seoul. Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten war ich total geflasht von Land, Leuten & Kultur und wäre am liebsten noch eine ganze Weile länger dort geblieben. Warum mich das Land der Morgenruhe so in seinen Bann gezogen hat und warum Du Dir Seoul und Umgebung auf keinen Fall entgehen lassen solltest, erzähle ich Euch in The Soul of Seoul. Meine Freundin Christina, die ich in dort besucht habe, ist gerade auf Heimaturlaub in Deutschland. Der Zeitpunkt ist natürlich nicht zufällig gewählt: sie ist ein mindestens genauso großer Berlinale-Fan wie ich. Umso größer war natürlich die Freude, als wir ein paar viel versprechende südkoreanische Beiträge im Berlinale-Programm entdeckt haben. Drei Filme, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber einen guten Einblick in die koreanische Seele, Kultur und Zerissenheit geben, lege ich Euch wärmstens ans Herz.

The Lovers and the Despot

An einem Tag in Südkorea habe ich einen Ausflug zu einem Observatorium gemacht, wo man mit Ferngläsern rüber auf die andere, nordkoreanische Seite schauen kann. Absolut bizarr und unwirklich, da man eigentlich nur leere Häuser sieht, von denen man sich nichtmal sicher ist, ob sie nicht doch nur Attrappen sind. Aktuell demonstriert Machtinhaber Kim-Jong-Un durch Raketentests seine vermeintliche Stärke, doch an Absurditäten war ihm sein Vater Kim Jong-il noch eine ganze Ecke voraus. The Lovers and the Despot ist zwar kein südkoreanischer, sondern ein britischer Film, das Thema jedoch könnte nicht koreanischer sein. Dokumentiert wird eine Geschichte, wie sie Hollywood nicht besser hätte schreiben können. Kim Jong-il, großer Kinofan, wollte endlich auch mal richtig gute Filme in Nordkorea machen. Schwupps ließ er Shin Sang-ok und oi Eun-hee, sozusagen die damaligen Brangelina Südkoreas, in sein eigenes Land entführen, um mit ihnen dort seine Filmprojekte zu verwirklichen.
Sehenswert, weil: Die Mischung aus Propagandamaterial, Dokumentar-Footage aus Archiven, nachgestellten Szenen und den Aussagen der gekidnappten Schauspielerin Eun-hee betten die Dokumentation in eine spannende Handlung. Mindenstens genauso fesselnd wie die thrillerhaften Umstände ist die innere Zerrissenheit der Entführten, die einen manches Mal an deren Haltung zweifeln lässt, bis ihnen die spektakuläre Flucht gelingt.
The Lovers and the Despot, Panorama Dokumente
Vorführungen am 14.2., 15.2., 20.2. und 21.2. (Berlinale Publikumstag)

The Bacchus Lady (Jug-yeo-ju-neun Yeo-ja)

Bettler gibt’s in Südkorea nicht. Zumindest offiziell. Ich habe zwar viele Obdachlose gesehen, die sich alle rund um das Bahnhofsviertel versammelt haben – doch gebettelt hat keiner. Im Land der Modernität und des Fortschritts ist scheint es wichtig zu sein, keine Schwäche zu zeigen – auch bei denen, die am Rande der Gesellschaft leben. Zur Armenspeisung gehen ist in Ordnung, aktiv seine Mitmenschen um Almosen zu bitten indes eher nicht. In The Bacchus Lady hält sich die Seniorin So-young mit dem illegalen Verkauf eines potenzfördernden Getränks mehr schlecht als recht über Wasser, doch immerhin muss sie sich nicht ganz erniedrigen und auf der Straße betteln oder sich gar prostituieren, wie viele der anderen, älteren Frauen. Als sie einen kleinen Filippino-Jungen bei sich aufnimmt, entwickelt sich eine Geschichte rund um die Zweckgemeinschaft der Misfits in Koreas Hauptstadt.
Sehenswert, weil: Der Film zeigt auf eindringliche Weise die Veränderung in der traditionellen koreanischen Gesellschaft. Früher wurden die Eltern im Alter von ihren Kindern versorgt und auch heute sieht man durchaus noch junge Pärchen in den Flitterwochen, wo die Schwiegermutter ganz selbstverständlich dabei ist. Doch die junge, koreanische Generation will freier sein und vor allem selbst über sein Geld, und was damit passiert, entscheiden. In einem Land mit nur sehr rudimentärer staatlicher Altersvorsorge müssen die Alten selber sehen, wo sie bleiben.
The Bacchus Lady, Panorama
Vorführungen am 14.2., 17.2. und 20.2.

Weekends

Seoul ist Hi-Tech, ist Fortschritt, ist modern. Für wirklich jede erdenktliche Lebenslage und jeden Service gibt es einen Automaten oder eine App, alles ist hoch effizient und funktioniert reibungslos. Neben all dem vowärts gewandten Denken sind viele Koreaner immer noch tief in ihrer Kultur verwurzelt und traditionellen Werten verbunden. Deshalb ist es selbst bei den selbstbewussten jungen Frauen immer noch ein Makel, mit spätestens Anfang 30 verheiratet zu sein und Kinder zu bekommen. Weitaus mehr als ein Makel ist Homosexualität. Dessen Existenz wird entweder totgeschwiegen oder unverhohlen verteufelt. Denn ein Mann, der keine Nachkommen zeug und den Stammbau seiner Ahnen nicht weiterführt, bringt Schande über sich und seine Familie. Trotz der schwierigen Lage hat sich in Seoul eine kleine Gay Community entwickelt, Die Dokumentation Weekends begleitet den schwulen koreanischen Männerchor G-Voice zu seinem 10-jährigen Jubiläum.
Sehenswert, weil: Musikvideo, Dokumentation über die Emanzipation der koreanischen Schwulenszene, persönliche Geschichten: Diese Dokumentation ist vielschichtig und macht trotz des nicht einfachen Themas total Spaß.
Weekends, Panorama Dokumente
Vorführungen am 14.2., 17.2. und 18.2.

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