Und wieder mal ist ein Rennen um, und wieder mal graut es mich davor, meine Lauffotos zu posten. Besonders fotogen war ich wohl noch nie – das könnte auch die Tatsache erklären, dass es von meinem Bruder locker 150.000 Kinderfotos gibt und von mir so ungefähr drei. Gut, das war jetzt leicht übertrieben. Aber Ihr wisst, was ich meine. Der Segen begann irgendwann in den späten Neunzigern mit Handyfotos: man muss sich nicht mehr mit dem einen, schrecklichen Abzug zufriedengeben (hello, Abizeitung!) sondern klickt so lange, bis es passt. Inwzischen gibt es also durchaus einige Fotos von mir, die so okay sind, dass sie auf die sozialen Netzwerke dürfen.

Lauffotos: Gnadenlos und unerbittlich

Dies gilt leider nicht für Lauffotos. Egal, wie gut ich mich bei einem Lauf gefühlt habe, egal, ob ich auf den ersten zwei Kilometern oder den letzten zwei Metern geknipst wurde: ich sehe immer gleich scheisse aus. Ach ne, stimmt gar nicht, ich habe gelogen. Es gibt nämlich durchaus verschiedene Stufen von scheisse.

Was grade noch mal so durchgeht: Kopf rot, Pony an die Stirn geklatscht. Schließlich habe ich mich angestrengt, darf man ja auch sehen.
Was mich schon leicht in Rage bringt: Vorhergenanntes, plus Unterkiefer weit nach vorne geschoben, als wollte ich den Regen auffangen. In Wahrheit hechle ich nur. Sieht aber auch nicht schön aus.
Was mich definitiv aggro macht: Zu all dem kommt eine Haltung, die ich früher mit „Tchibo-Jogger“ umschrieben habe. Das Foto drückt in keinster Weise aus, dass ich gerade mein Bestes gebe. Nein, es wirkt so, als würde ich einen gemütlichen Nachmittagslauf hinlegen, bei dem die Füße kaum vom Boden gehoben werden.
Und was sofort, ohne Ausnahme, direkt in die Tonne muss: Wenn genau in diesem Moment noch fotografisch festgehalten wird, wie eine rüstige Seniorin locker an mir vorbeizieht, und trotz ihrer vielleicht 70 Jahre gerade mal aussieht wie 50. Die Frisur sitzt, das Lächeln auch falls sie schwitzen sollte, merkt man ihr das keineswegs an.

Es liegt nicht an Dir, es liegt an mir

Leider, leider kann ich die Schuld nicht den Fotografen zuschustern. Denn Fotos von anderen Läuferinnen und Läufern sehen durchaus okay aus. Klar, nicht so shiny und vorteilhaft wie die Instagram-Fotos, die später gepostet werden, aber dennoch absolut akzeptabel. Da sehe ich leuchtende Augen, fliegende Beine, eine gute Haltung und vor allem: perfekt sitzende Haare. Man kann das alles übrigens noch eine Stufe toppen: Schonmal vom Ridiculously Photogenic Guy gehört? Es liegt nicht an dir, es liegt an mir, seufz.

Manchmal hilft nur Zen

Tja, was wäre jetzt die Lösung des Ganzen? Eigene Fotografen engagieren? Klappt bedingt. Denn, um es mal klarzustellen: es sind bei Weitem nicht nur die offiziellen Finisher-Fotos, die bei mir scheisse aussehen. Auch bei Fotos, die von Freunden in allerbester Intention am Streckenrand gemacht wurden ist das Ergebnis selten etwas, was ich als mein neues Profilbild wählen würde. Einen Vorteil hat das Ganze jedoch: die abgekämpfte Mine ist zwar die gleiche, aber immerhin kann ich da verhindern, dass es irgendwo öffentlich hochgeladen wird. Was bleibt sonst? Einen auf Hahner-Twins machen und den ganzen Lauf hindurch unentwegt lächeln? Ich glaube, das würde mir nicht nur meine Zeit versauen, sondern auch meine Laune. Und aus einer freundlichen Mine würde dann ganz schnell ein krampfhaftes Mundwinkelverziehen werden. Einmal habe ich mich im Zieleinlauf tatsächlich auf den Fotografen konzentriert und versucht, in Siegerpose zu winken: das Foto sieht aus, als würde ich mich ergeben und um Gnade winseln. Einen eher zweifelhaften Tipp habe ich in einem Forum gelesen: Die Finisher-Fotos einfach vor dem Lauf machen. Kann man machen, aber dann ist es halt scheisse. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als damit zu leben, dass ich auf Lauffotos einfach immer scheisse aussehe. Oder so lange zu trainieren, bis auch ein Halbmarathon für mich nur noch ein netter Sonntag Nachmittagsspaziergang ist. Und bis dahin heißt es halt: Life goes on and Instagram has a filter for it.