Scheisse, wo ist meine Startnummer? Nerven-Protokoll vor dem 1. Marathon

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Meine Freundin Christine läuft heute ihren ersten Marathon. Dafür hat sie hart trainiert, auf nicht wenige Parties verzichtet und sogar einen Termin gemacht, um sich ihre Nikotinsucht weghypnotisieren zu lassen. Nichtmal eine fiese Zahnentzündung mit zweiwöchiger Laufsperre (ein Alptraum für jeden, der für einen Marathon trainiert) hat sie aus der Bahn geworfen. Heute, so ungefähr gegen 9:30 Uhr ist es soweit und Christine läuft zum ersten Mal 42.195 Kilometer am Stück. Ich durfte heute morgen bei ihren letzten Vorbereitungen dabei sein. Ein Chaos-Protokoll, ohne Filter, in Christines eigenen unzensierten Worten.

2:00-4:30

Der Marathon-Tag fängt irgendwie schon früher an als gedacht. Ist da etwa eine Party in meinem Haus? Klingt wie die Biermeile! Aaaaah warum ausgerechnet heute? Scheisse ich kann nicht schlafen. Ich muss schlafen. Ich brauche genug Schlaf, verdammt. Hin- und herumwälzen bringt auch nichts. Gut, schaue ich eine Folge Californication. Ob das eine gute Idee war? Es war die letzte Folge der ersten Staffel. Die haben jetzt geheiratet. Wie soll es denn jetzt weitergehen? Das wird doch langweilig, wenn die jetzt wieder zusammen sind. Na gut, nochmal schnell Facebook und Instagram nach den Hashtags #berlinmarathon2015 durchsucht. Eigentlich ganz ruhig da, kenn ich schon das meiste.

5:45

Der Wecker klingelt. Ursprünglich hätte er schon um fünf klingeln sollen, aber aufgrund meiner Schlaflosigkeit habe ich ihn dann doch nochmal weitergestellt. Gleich geht’s los. Mann, bin ich nervös. Richtig fit bin ich auch nicht. Die letzten drei Nächte habe ich schlecht geschlafen, die Waden sind schwer, der Hals tut ein bisschen weh.

6:30

Gut, hilft ja nix. Kaffee trinken, duschen. Die Temperatur auf kalt stellen für Waden und Gesicht. Die Haare wasche ich jetzt auch noch. Ob das jetzt eine blöde Idee war? Nachher klappt die Flechtfrisur nicht. Egal, weiter mit den Vorbereitungen. Ein bisschen auf der Blackroll rumrutschen, Pferdesalbe auf die Waden, Schmerzgel präventiv auf’s Knie, Hirschtalg-Creme auf die Füße. Und auf den Rest des Körpers Bodylotion von Le Petit Marseillais. Das beamt mich gedanklich sofort nach Nizza – ganz kurzes Aufatmen.

6:38

Sandra ist da. Sie will meine Vorbereitung für ihren Blog dokumentieren. Ich bin mit anderem beschäftigt. Ich muss alte Klamotten auf den letzten Drücker suchen! Draußen sind es momentan 6 Grad, bisschen sehr kalt um damit stundenlang in meinem Laufdress rumzustehen und auf den Startschuss zu warten. Ein altes Funktionshirt, ein schwarzer Rollkragenpullover, eine Laufjacke die ich wirklich nie trage und die alte Jogginghose einer Freundin werden mich warmhalten. Die Sachen ziehe ich erst kurz vor dem Start aus und werfe sie an den Straßenrand. Das machen viele so. Das Gute daran: Es gibt eine Gruppe von Leuten, die diese Kleider aufsammeln und sie an Bedürftige weitergeben.

6:41

Soo, was muss alles in meine Tasche…wieviel Gels und Riegel stecke ich selber ein, was gebe ich meinen Unterstützern damit sie es mir zustecken können?

6:44

Verdammt ich muss essen. Ich habe überhaupt keinen Hunger. Ich hatte irgendwie vor 4 Toastbrote mit Marmelade zu essen. Ich kaue und kaue aber das trockene Zeug will einfach nicht runter. Noch ein Schluck Pfefferminz-Ingwer-Tee zum runterrutschen.

6:46

Scheisse, der Streckenplan ist noch nicht aktualisiert. Ich muss genau wissen wo meine Unterstützer stehen, sonst sehe ich die doch gar nicht.

6:55

Es klingelt. Jared kommt vorbei. Er wollte ursprünglich auch den Marathon laufen, war aber lange verletzt. Jetzt läuft er nur die ersten 10 Kilometer und will Sandra seinen Rucksack geben. Kurzes Hallo, keine Zeit, ich muss meine Frisur machen! Aber gut dass er da ist, kann er gleich mal meinen Chip in die Schnürsenkel einfädeln, dafür habe ich jetzt überhaupt keinen Nerv. Noch ’n Biss vom Toastbrot. Mir ist wirklich nach allem, nur nicht nach essen. Wie soll ich noch dreieinhalb Marmeladentoasts runterkriegen?

07:05

Flecht, flecht…Fuck, die Frisur sitzt nicht. Nochmal neu. Noch nen Biss vom Brot. Zwei Toasts geschafft. Das muss reichen. Es werden wieder alle meckern „das ist viiiiel zu wenig“. Egal, ich kann nicht mehr.

07:07

Die Katze guckt verwirrt.

07:10

Dritter Versuch Haare flechten. Schöner werd’s nicht mehr. Die Hahner-Twins haben’s gut, die haben sich gegenseitig zum Flechten. Sandra frag‘ ich erst gar nicht, die hat zwei linke Hände. Sagt sie selbst. Ist mir egal, ich lass‘ das jetzt so!

07:12

Scheisse, wo ist meine Startnummer??

07:14

Gefunden. Klar dass jetzt die Befestigungsmagneten unter den Schrank kullern. Sandraaaa, Hilfeeee!

07:15

So langsam wird’s knapp. Kathrin (meine Lauffreundin von #boostberlin) wartet um 07:25 an der U-Bahn auf mich. Check: Ich hab mein Handy, ich hab meine Laufsachen an, ich trage die Laufuhr.

07:20

Raus geht’s. Im Flur nicht auf die zerbrochene Bierflasche treten. War also doch Party hier im Haus. Penner!

07:24

Shit ich hab kein Ticket. Die U-Bahn kommt in einer Minute. Kathrin ist schon leicht unruhig. Der BVG-Automat meint es tatsächlich mal gut mit mir. Ticket entwerten, reinspringen, für letztes Foto posieren. Ich bin auf dem Weg zum Marathon.

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Danke Christine dass ich dabei sein durfte. Wir alle drücken dir die Daumen aber wir sind uns gleichzeitig sicher: das schaffst Du! Unter dem Hashtag #maratine2015 könnt Ihr auf unserem Instagram-Profil Chrisine’s Lauf verfolgen. Und am Straßenrand auf die Startnummer F8335 achten!

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