Laufbericht: 33. AVON Frauenlauf Berlin 2016

passt doch.

Mein allererster Frauenlauf startete leicht chaotisch. Hektisch hatte ich zuvor eine Vertretung für mich gesucht, die meine Markt-Schicht übernehmen kann, damit ich beim 33. AVON Frauenlauf Berlin am 21. Mai starten kann. Ich gehöre nämlich, zumindest momentan, zu den Menschen, die am Wochenende arbeiten. Was unter anderem dazu führt, dass ich viel zu lange nicht mehr bei meinen geliebten Berlin Social Runners war. Das das alles wird sich demnächst ändern – dazu mehr dann zu anderer Gelegenheit.

Mein erster Frauenlauf: Ich verpeile der Startzeit

Der Ausgangspunkt war jedenfalls der folgende: Ich sollte wie immer Samstags von 8 bis 18 Uhr arbeiten und hatte mich aber, wie ich dachte, schon perfekt abgesichert. Ab 13 Uhr würde mich eine Kollegin ablösen und ich würde gemütlich von Kreuzberg gen Brandenburger Tor fahren um mich dann flugs in den Starblock zu stellen. Tja, Pustekuchen. Irgendwie war da was schief gelaufen in meiner ach so perfekten Organisation. Wo der Fehler lag? Mit absoluter Gewissheit ging ich davon aus, dass mein 10-km-Lauf am Samstag nachmittag um 14 Uhr starten würde. Mehr oder weniger zufällig bekam ich dann einen Tag davor, beim Abholen der Startnummer mit, dass der Startschuss für die 10-km-Distanz erst um 18 Uhr fallen würde. Gut, dass ich mein gesamtes Personal aufgescheucht habe, mit viel Flehen, Bitten und Bestechung (die Goodie-Bag wurde als Joker eingesetzt) endlich eine Vertretung für mich gefunden hatte. Wofür? Dafür, dass ich den gesamten Nachmittag ungeduldig darauf warte, dass ich endlich dran bin. Mich quäle, ob ich denn noch was essen darf oder soll oder doch lieber nicht. Der Chaos-Start noch vor dem eigentlich Start sollte ein Charakteristikum des gesamten (Ver-)Laufs werden. Aber erstmal ganz von vorne.

Mein erster AVON Frauenlauf: Deshalb mache ich mit

Irgendwie habe ich mich bisher immer gegen Frauenläufe gesträubt. Während ich früher alles pinkfarbene toll fand und meine leuchtenden Laufschuhe auch zu allen anderen möglichen Anlässen trug, kann es mir heute nicht gedeckt und dezent genug sein. Außerdem hatte die Bezeichnung „Frauenlauf“ für mich immer schon ein Gschmäckle. Bisschen altbacken, bisschen zuviel EMMA und zu wenig This is Jane Wayne. Zwei Gründe, oder besser zwei Personen haben dann doch dazu geführt, dass ich meine Vorbehalte über Bord geworfen habe. Das zwar zum einen meine Freundin Steffi, die letztes Jahr dort ihre ersten 5 Kilometer gewalkt ist. Für ihre an Krebs verstorbene Mutter, aber auch für sich selbst. Ich stand im Tiergarten mit einem Schild und es war ein echter Gänsehautmoment, als Steffi um die Ecke kam und sich total gefreut hat. Den entscheidenden letzten Schubs, um mich dann auch tatsächlich für den diesjährigen Lauf anzumelden gab mir Janine von #fuckoffhenry, die ich neulich über ihre Laufgeschichte interviewt habe. Sie durfte den Lauf letztes Mal zum ersten Mal offiziell eröffnen und war auch dieses Jahr wieder gemeinsam mit Lena Gercke am Start. Langer Rede kurzer Sinn: Diese beiden Frauen haben mir nochmal klargemacht, worum es eigentlich bei so einem Lauf geht. Nämlich nicht nur um sich selbst. Sondern um etwas viel Größeres.

Beinahe-Eklat bei der Startnummernausgabe: Hat die etwa XL gesagt?

passt doch.

passt doch.

Weil ich am Freitag immer noch felsenfest davon überzeugt war, dass mein Lauf um 14 Uhr starten würde und ich also keine Zeit mehr haben würde um meine Startnummer und das Shirt kurz vor dem Start abzuholen, bin ich also einen Tag davor zu Karstadt Sport am Bahnhof Zoo geradelt. Im Dachgeschoss waren, wie auch bei anderen SCC Events, ein paar Zelte aufgebaut. Bei der Startnummernausgabe war nicht viel los, die meisten anderen waren wohl schon am Tag davor hier. Dementsprechend fix ging alles und ich wurde ins nächste Zelt geleitet, um mein Shirt abzuholen. OK, dachte ich mir, sooo schlecht sehen die gar nicht aus. Ganz gut geschnitten und das pink kontrastierte ganz geschickt mit den grünen Adidas-Streifen. Ich liebäugelte gerade mit der M-Größe, als mich die Dame hinterm Tresen taxierte. Von Kopf bis zur Fußspitze wanderte ihr Blick, der sich alarmierend lange in meiner Körpermitte aufhielt und sich mit quälender Hartnäckigkeit an meinen Hüften festsetzte. „XL,“ so lautete ihr knappes, aber grausames Urteil. Versteht mich nicht falsch. Es ist völlig OK, eine XL zu tragen. Wer einen XL-Körper hat und sich trotzdem – oder grade deswegen – für einen Lauf anmeldet, der verdient nichts geringes als meinen allerhöchsten Respekt. Ich fühlte mich aber momentan verdammtnochmal nach einer M! „Probierste an und sagste ob’s passt“. Ma’m, yes M’am. Ich traute mich nicht zu widersprechen. Da soll nochmal einer behaupten, pink wirke niedlich und süß. Mir gegenüber standen mindestens 60 Jahre Lebenserfahrung, ein gestandenes Selbstbewusstsein und die barsche Berliner Schnauze, mit der ich auch nach mittlerweile 18 Jahren in der Hauptstadt immer noch nicht so richtig umgehen kann. Die Anprobe wiederum verläuft erfreulich: Hallelujah, viel zu groß. Ich wandere zurück und erbitte die L. Eher ungläubig bekomme ich ein kleineres Probiershirt. Das könnte meiner Meinung nach immer noch ein bisschen besser passen, aber wenn ich jetzt die M fordere und die dann zu eng ist, dann gibt’s aber so richtig Ärger von Madame Le Géneral. Mit größtmöglichem Enthusiasmus tausche ich die Probier-L gegen eine tatsächliche L um und werde mit einem „Glückwunsch, haste abgenommen“ belohnt. Wie immer fällt mir keine Erwiderung ein. Kann man Schlagfertigkeit irgendwo kaufen? Ich nähme dann bitte zweimal, mit Sahne obendrauf.

Raceday: Wie ernährt man sich bei einem Abendlauf?

So, der große Tag war gekommen, ich hatte es dann also auch geschafft, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Nur mit der Ernährung war es etwas unpraktisch. Bei Morgenläufen ist das so einfach: Ein schönes Frühstück zwei Stunden vor dem Lauf und ich bin sowohl genährt als auch leicht genug um 10 oder mehr Kilometer durchzuhalten. Am Raceday habe ich morgen mein übliches Müsli gegessen und mir mittags einen Avocado-Bagel von Fine Bagels gegönnt (weil das ja unbestritten die einzig wahren Bagels in Berlin sind). Einen zweiten Bagel nahm ich noch mit, den ich ungefähr eine Stunde vor dem Lauf mit Erdnussbutter essen wollte. Aber als es dann soweit war,  fühlte ich mich total gesättigt und konnte mir eigentlich nichtmal mehr vorstellen, auch nur eine halbe Banane zu essen. Der Geruch der Currywurstbude tat sein übriges. Damit ich wenigstens etwas Zucker im Blut habe, konnte ich mich selbst noch zu einer Mandel-Nuss-Schnitte überreden.

AVON Frauenlauf: so war’s auf der Strecke

Zwei Premieren gab es für mich: mein erster Frauenlauf und mein erstes Solo-Rennen. Unterstützung an der Strecke hatte ich zum Glück, mein Freund war so nett und passte auf meine Sachen auf (Wertsachenaufbewahrung hätte andernfalls €5 gekostet, die Klamotten konnte man unbeaufsichtigt irgendwo abgeben). Es war schon irgendwie ein komisches Gefühl, im Startblock alleine zu stehen. Irgendwie schien sonst jeder jemanden zu kennen, gemeinsam Selfies zu machen oder sich zu beruhigen. Sobald der Startschuss fiel, verflüchtigten sich diese Gedanken. Das Adrenalin brauchte dennoch eine ganze Weile, bevor es sich bemerkbar machte. Denn zuerst war da nur: oh, ich hab Hunger. Krass, ist das heiß. Mist, ich muss auf Klo. Die erste Runde waren quälende 4 Kilometer, in denen ich versuchte, meinen Rhythmus zu finden. Ich hatte mir vorgenommen, eine 6:30er Pace durchzulaufen. Für die „echten“ Läufer ist das eine Schildkrötengeschwindigkeit, für mich ist es das, was ich momentan nach einer langen Laufpause realistisch laufen kann. Eigentlich. Denn an diesem Tag bewegte ich mich durchgängig zwischen 6:32 und 6:34. Schneller ging einfach nicht. Die Hitze machte mir arg zu schaffen (wie haben das nur die ganzen Engländer neulich beim Hackney Half ausgehalten, als es noch wärmer war?) und ich hatte kurz Bedenken, dass mein Kreislauf nicht mitmachen würde. Die Freude über das Abbiegen in den schattigen Tiergarten währte leider nicht lang. Wie eine trampelnde Gnuherde in der Serengeti wirbelten wir Läuferinnen Staub auf, der sich in Mund und Nase festsetzte. Hello, Staublunge! Kurz vor Ende der ersten Runde, als mir schon fast der Saft ausging, bemerkte ich ein mir bekanntes Läuferprofil. Die liebe Judith von Boostthemietz war als Pacerin für den Runners Point Run Club unterwegs. Meinen erschöpften Versuch einer Grimasse kommentierte sie mit: „Siehst aber noch gut aus!“ – danke Judith, das war voll motivierend. (Auch wenn ich es dir keine Sekunde geglaubt habe!) Die zweite Runde, die mit 6 Kilometer länger war, ging dennoch etwas besser. Zwar mit der gleichen, trottenden Geschwindigkeit, aber nun war es der Gedanke an das Finishing, der mich antrieb. Und an den „I want to see you dance“-Jubelsquad, die zu meiner allerhöchsten Entzückung die aktuelle Eurovision Song Contest Musik in der Boombox laufen hatten: „If I were sorry,“ der schwedische Beitrag von Frans, dem diesjährigen Fünftplatzierten geht voll klar als Laufsong!

AVON Frauenlauf: Fazit

Ein anstrengender Lauf, das sind meine ersten Gedanken, wenn ich an den AVON Frauenlauf zurückdenke. Hitze & Staub kommen mir sofort in den Sinn. Aber auch dieses Meer aus Pink, das ein schönes Gemeinsamkeitsgefühl schafft. Bisschen unnötig dass sich manche nicht daran halten und um der Masse rauszustechen ihre eigenen Shirts tragen (auch wenn ich mir ehrlicherweise ein Trägershirt herbeigesehnt habe). Insgesamt gab’s an der Organisation nix zu meckern, im Gegenteil, ein großes Lob an den SCC und alle Mitwirkenden. Hätte man den Tiergarten wässern können gegen den Staubsturm? Ich weiss es nicht, kennt sich da jemand aus? Die Medaille, ein schwieriges Thema. Klar, wir sind hier bei AVON, es geht dabei auch um Beauty und wenn ich da an die AVON-Beraterin aus meiner Jugend in meinem Dorf zurückdenke, dann ist die Medaille wahrscheinlich noch recht dezent. Aber ernsthaft – eine Nagelfeile und ein Einkaufschip in die Medaille integriert? Nägel mache und shoppen gehen, das erinnert mich doch spontan VIVA-Gülcan und Gatte Sebastian Kamps (sorry, das verstehen nur Trash-TV-addicts…). Meine Zeit von 1:05:41 ist dann übrigens meine neue Bestzeit. Die zwei einzigen anderen 10-Kilometer-Läufe bei denen ich bisher an den Start  gegangen bin hatte ich beide mit 1:07:07 absolviert. Kein Witz. Insofern kann ich also echt zufrieden sein. Gute Vorsätze: mehr (und vor allem strukturierteres) Training für das nächste Mal und wenn möglich, wieder jemand der mit mir gemeinsam startet.

Bonustrack: Ich habe heute leider keine Goodiebag für dich!

2016-05-22 19.34.40

War ja klar: als ich nach dem Lauf meine Goodie-Bag abholen wollte, habe ich den dazugehörigen Schnipsel nicht mehr gefunden. Ohne Tasche keine Competition, ohne Schnipsel keine Goodie-Bag. „Viel verpasst Du da aber nicht,“ tröstete mich die Dame am Stand. Ebenfalls klar: der Schnipsel lag gemütlich zu Hause auf der Couch. Neben dem Kater.

2 Kommentare

  1. Hihi, ich sags dir, du sahst wirklich nicht fertig aus. Zumindest so gut wie ich das durch den aufgewirbelten Staub erkennen konnte:D

    Mit dem Beutel hast du echt nix verpasst. Ein Duschbad, ein Mini-Deo und ne Fusscreme. Die Medaille find cih auch echt schrecklich…

    Aber hey Glückwunsch ich war erst nach 1.09.57 im Ziel:-)

    • hahaha, da hätten sie ja wenigstens mal nen Nagellack oder Lippenstift reinlegen können. Jetzt bin ich beruhigt 😉

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