Laufbericht Asics Grand 10 Berlin 2015

Laufziel: so schnell werden wie Arne Gabius. Haha, Späßle.

Es stellt sich immer die gleiche Frage, wenn man nicht gerade im Hochsommer ein Rennen läuft: Auszieh’n oder anbehalten? Auch beim Asics Grand 10 Berlin am 11. Oktober 2015 fiel es mir schwer, mich zu entscheiden. Kurz- oder langärmlig, Laufjacke oder nicht und was mache ich mit meinem Halstuch?

Der frühe Vogel fängt den Wurm friert sich den Arsch ab

Um 11 Uhr bin ich mit meiner kleinen aber feinen Lauftruppe wieder mal viel zu früh vor Ort. Mittlerweile weiß ich zwar, dass man bei den meisten Läufen, vor allem bei nicht ganz so großen Veranstaltungen mitnichten überpünktlich sein muss. Trotzdem ist das Kribbeln in den Beinen dann immer so groß, dass man es nicht mehr zu Hause aushält. Überhaupt, Berlin läuft, warum beginnt der Grand 10 eigentlich erst um 12? Da bin ich gedanklich ja meist schon beim Mittagessen! Beim zehnminütigen Fußmarsch vom S-Bahnhof Westend bis zum Schloss Charlottenburg haben wir uns alle schon mehrfach versichert, wie verdammt kalt uns doch ist. Bei 5 Grad und einer steifen Brise darf man auch mal jammern. Nicht so, findet mein mitgereister Papa, der uns an der Strecke begleiten wird: „Genau wegen diesem Ostwind ist schönes Wetter, also meckert nicht.“ Ich widerspreche nicht, Papa ist der Wetterfrosch der Familie und hat ja auch recht. Berlin zeigt sich heute von seiner allerschönsten Seite: war der Himmel jemals so blau, die Bäume jemals so bunt?

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Der freundliche österreichische Tourist macht ein gut gelungenes Foto von uns Dreien, dann verteilen wir uns auch schon wieder. Christine sucht ihre Lauffreunde von boost.berlin, Jared hat es eilig und will unbedingt seinen Kleiderbeutel abgeben, ich will einfach nur in der Sonne stehen und nicht erfrieren. Ich entscheide mich gegen Laufjacke und für kurze Arme. Ist ja quasi Sommer vorm Balkon hier (…versuche ich mir zumindest einzureden)! Wir sind in drei verschiedene Starblocks aufgeteilt, allerdings scheint man das hier nicht so streng zu kontrollieren. Endlose 10 Minuten Warterei (shit, alle um mich rum haben Longsleeves an und meine Gänsehaut auf den Armen wird beinahe chronisch), dann geht’s endlich los.

Verzögerter Start

Christine ist weit vorne, Jared sagt „Have a good run“, verschwindet am Horizont und dann bin ich alleine mit mir und Blur im Ohr. Meine Playlist ist eine Stunde und 7 Minuten lang, ich bin heute nicht so optimistisch, was meine Zeit angeht. Der erste Kilometer ist wie gewohnt ein Gedrängle und ich will grade den ersten anmotzen, der mich von rechts überholt und fast vor die Füße fällt als ich den Union Jack auf seinem Shirt sehe. Alright, fast Brit, you are excused.

Ab Kilometer zwei kann ich entspannen und es läuft. 5:55 sagt mein Garmin Forerunner, so schnell laufe ich im Training äußerst selten, hurra. Da steht auch schon mein Papa und knipst, ganz konzentriert schaut er in die Menge und übersieht mich dabei fast. Bis Kilometer 6 läuft alles prima, die Zeit passt und ja, ich genieße es sogar. Manchmal läuft man einfach so stur und nur mit Tunnelblick, da ist es schön, wenn man kurz innehält und sich bewusst macht, was verdammt Geiles man da grade macht!

Stau im Zoo und Nashornbaby

Jetzt geht’s durch den Zoo. Hier wird’s etwas langsamer, die Wege sind eng und, oh, ein Nashornbaby! Am Wegrand ein sehr sympathisch wirkender Tierpfleger, unwillkürlich muss ich an Knut denken. Knut, ach Knut, wir sind Knut! Aus dem Elefantentor geht’s wieder raus aus dem Zoo, wieder ein netter Mensch, der sich auf dem Pümpel stellt damit es auch ja niemanden auf die Fresse legt.

Tja, nun habe ich mich ablenken lassen und meinen Rhythmus verloren, die Pace wird langsamer, ich sehe 6:20 auf meiner Uhr und erschrecke. Allerdings weiß ich nicht, ob ich jetzt schon anziehen kann. Mein Training in den letzten Monaten ließ etwas zu wünschen übrig: krank, Stress, Umzug, krank…irgendwas is ja immer.

Alpenüberquerung mit Italo- und Austropop

Jetzt bin ich auf der Kantsraße und habe Kilometer 8 passiert, wo ich mein Halstuch meinem erneut konzentriert dreinschauenden Papa entgegen werfe. Irgendwo in weiter Ferne sehe ich die 60-Minuten-Pacemakerin. Nu aber hinne! Beim letzten Kilometer lege ich nochmal zu, vielleicht kann ich ja dadurch meine Trödelei wieder aufholen. 500 Meter vor dem Ziel schießt es dann ein, dieses absolute Glücksgefühl. In meinem Ohr wechselt „Bussi“ von Wanda zu „Ti Sento“ von Matia Bazar. Voll aufgedreht, so dass ich nichtmal höre, wie mich die Kegelfreunde aus meinem schönen badischen Heimatort anfeuern. Sorry, aber ich brauche jetzt die volle Dröhnung Mucke. Fühlt sich an wie früher die Autofahrt über den Brenner, „Mama, wie lang noch?“ Mental bin ich also jetzt in Italien, physisch im Ziel des Asics Grand 10 Berlin 2015. Ich warte auf die Medaille, um mich herum wird gejubelt, gepost, gekeucht und auch gekotzt. Mir geht’s ganz gut, aber: Hunger!

Beim Mittagessen im Brauhaus Lembke (super Bier, super Ambiente, sehr mittelmäßige Käsespätzle) freue ich mich über meine Medaille (wirklich sehr hübsch!) und warte auf die offiziellen Ergebnisse. 00:59:07. Ich habe mich seit meinem ersten und bisher einzigen 10k (Müggelseelauf 2014) um exakt NULL (zero, nil, cero, nula, sıfır) Sekunden verbessert. Aber eben auch nicht verschlechtert. Ein wenig schlechtes Gewissen habe ich, ich bin gar nicht so k.o. wie viele um mich rum – habe ich etwa nicht alles gegeben? Das Scrollen durch Instagram zeigt mir einen neuen Rekord nach dem anderen, ich bekomme kurzzeitig ein Gefühl von „hätte ich doch nur,“ bis dann die Endorphine doch wieder stärker werden. „Ab jetzt dann ernsthaftes Training,“ sagt mir Christine, und ich gelobe Besserung. Sie ist die 10 Kilometer in 00:50: 38 gelaufen, nicht ihr Personal Best aber eine super Zeit angesichts ihrer immer noch nicht ganz abgeklungenen Erkältung. Jared war mit 00:56:57 über zwei Minuten schneller als ich. Dich krieg ich nächstes Mal! Aber jetzt erstmal in die Wanne und Tee trinken.

Fakten

Was? Asics Grand 10 Berlin 2015
Wann? 11. Oktober 2015
Veranstalter: Berlin läuft
Wer? 7.000 Teilnehmer
Sieger?: Männer: Joshua Cheptegei (Uganda) 27:50, Frauen: Gladys Chesire (Kenia) 30:41
Bester Deutscher: Arne Gabius (wurde Vierter., 28:07, persönlicher Rekord!)
Beste Deutsche: Sarah Kistner (33:38)

Danke an hpw für die fotografische Unterstützung.

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