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Wie war das nochmal? Hinfallen. Aufstehen. Krone richten. Was aber, wenn ich eigentlich viel lieber liegenbleiben möchte? Erst nur für ’nen kurzen Moment, dann für ein längeres Weilchen. Und irgendwann erscheint mir das Aufstehen dann völlig unattraktiv. Die blöde Krone will ich sowieso nicht haben, ich bin doch überhaupt nicht bling-bling. So richte ich mich ein, in meinem Leben, das nicht mehr das einer Läuferin ist. Hin und wieder lasse ich mich zu einem Lauf überreden, bin dann kurz wieder völlig euphorisiert – das hält an bis zum nächsten Feierabendbier, der nächsten Kucheneinladung oder dem Zahnarzttermin. Ich hab‘ halt keine Zeit zum Laufen! Zudem habe ich die mahnenden Worte meines Orthopäden im Ohr. „Laufen ohne Krafttraining, das ist Gift für deine Bandscheibe!“ Ja, aber Laufen und Gerätetraining ist Gift für mein Social Life. Ebenso für meine Ich-Zeit. Die sieben Staffeln „The Good Wife“ schauen sich nunmal nicht von alleine, da ist mein ganzer Einsatz gefragt!

Mit der Zeit werde ich immer schlechter gelaunt, ich bin ständig müde, habe Verlangen nach Süßem, das gestillt werden muss. Die neue Jeans, die ich mir im Sommer gekauft habe? Ab damit in die hinterste Ecke des Schranks. Sie zwickt und geht nur noch mit Gewalt zu, da braucht kein Mensch. Stetiges Kopfweh? Für sowas gibt’s doch Ibuprofen. Die Endorphine hole ich mir in Form von Schokolade, für die frische Luft reicht auch ein Schritt auf den Balkon. Das Gedankenkonfetti, das sich sonst immer beim Laufen sortiert hat, wird mit Hilfe von Netflix ausgeschaltet. Mein Dauergemütszustand: Thaddäus Tentakel. McGonnagal. Grumpy Cat.

Was ich in den letzten Wochen und Monaten am allerwenigsten ertragen kann: andere, glückliche Läufer. Der Blick auf meinen Instagram-Feed lässt mich als Versager fühlen, wenn ich Läufern begegne, während ich gerade volle Tüten vom Supermarkt nach Hause schleppe, bekomme ich Aggressionen und wenn mein Freund selig von seinem gerade absolvierten Lauf berichtet kann ich nur mit sehr viel Anstrengung ein „gut gemacht“ aus meinen Lippen herauspressen. Meine Whatsapp-Motivationsgruppe meint es gut mit mir, aber ich will es nicht lesen. Nichts hören, nichts sehen. Wenn ich nicht laufe, dann sollt ihr das verdammt nochmal auch nicht!

Ich laufe nicht, also blogge ich auch nicht. Was soll ich denn hier schon schreiben? Euch volljammern, dass ich Rücken/Hüfte/Kopfweh/Saulaune habe? Ich setze immer wieder an für einen Post. Andere können es ja auch. „Die fünf besten Laufstrecken Berlins.“ „10 Dinge, die man in London getan haben muss.“ „Wie du dich nach einer Laufpause wieder motivierst.“ Die Entwürfe bleiben Entwürfe. Denn wen will ich hier eigentlich verarschen? Die Ursprungsidee dieses Blogs war doch einmal, über das zu schreiben, was ich wirklich will. Nicht über das, was mir ein Auftraggeber vorgibt. Oder von dem ich denke, dass es gerne gelesen wird. Und nun sitze ich mit dem Laptop auf der Couch und versuche, mir irgendwas aus den Fingern zu saugen, nur damit der Blog wieder mit Content gefüllt wird? Irgendwas ist da schief gelaufen.

Der Sommer dümpelte sich so durch, nun war es bereits Ende Oktober. Ein Monat, in dem ich insgesamt sage und schreibe 19,88 km gelaufen bin. Davon zehn beim Müggelsee Halbmarathon. Wenn ich das hier jetzt so aufschreibe, dann wird mir erst bewusst, was ich damit meinem Körper so angetan habe. Auf Facebook schummelt sich ein Post für den kommenden Berlin Marathon 2017 in meine Timeline. Ich bin untrainiert, ich bin unfit, aber irgendeine kleine Stimme sagt mir, dass ich mich doch vielleicht einfach für das Losverfahren der Startplatzvergabe bewerben sollte. Marathon – etwas, was ich nie tun wollte. Doch allein wenn ich das Wort höre oder sehe, kommen bei mir die Emotionen wieder hoch, als ich beim 42. Berlin Marathon im letzten Jahr meine Freundin Christine und beim diesjährigen, 43. Berlin Marathon meinen Freund Jared angefeuert habe. „Ich kann’s ja mal versuchen, wahrscheinlich hab ich eh‘ kein Glück“. Klick, klick, tipp, klick, angemeldet.

30. November 2016. Ich sitze im Büro und schaue ständig nervös auf mein Handy. Meine Freundin meldet, dass schon viele ihrer Laufbuddies Erfolgsmeldungen posten. Ein kurzer Blick auf Twitter bestätigt mir das. Zwei Stunden später. Immer noch nichts. Und dann, gerade als ich mal wieder zum vermaledeiten Schokoautomaten laufen will:

„Sie sind ein Gewinner!

Liebe Sandra,

es ist soweit! Wir freuen uns, Ihnen heute mitzuteilen, dass Sie ausgelost wurden:
Sie sind bei der 44. Auflage des BMW BERLIN-MARATHON 2017 als Teilnehmer dabei! “

Aaaaaalter.

Meine Gefühle? Absurderweise noch gar keine Angst. Auch kein Druck. Vielleicht kommt das ja alles noch und momentan kann ich mir ehrlich gesagt noch nicht einmal vorstellen, einen der langen Vorbereitungsläufe zu absolvieren. Trotzdem ist die vorherrschende Emotion ein Mix aus Freude und Erleichterung. Erleichtert, weil das stetig-quälende „Lauf ich heute oder lauf ich nicht?“ einem „Ich mache was mein Trainingsplan mir sagt“ gewichen ist. Seit dem 10. Dezember heißt es für mich nun also wieder: Alles auf Anfang. Mein Trainingsplan beginnt so, wie er vor zwei Jahren, als ich mich auf meinen ersten Halbmarathon vorbereitet habe, mit langsamen 5-Kilometer-Läufen. Der Plan schränkt mich nicht ein, im Gegenteil, er gibt mir durch die vorgegebene Struktur die so dringend benötigte Freiheit.

So sieht’s also bei mir aus, liebe Freunde des Laufsports und des geschriebenen Worts. Zweimal bin ich seitdem gelaufen und jedesmal: das pure Glücksgefühl. Hier, auf diesem Blog, wird sich auch einiges ändern. Auch in meiner demotiviertesten Phase hatte ich eigentlich immer etwas zu sagen. Es hatte eben nur nichts mit Laufen oder mit Reisen zu tun. Was sich verändern wird und was ich mir so vorstelle, werde ich demnächst hier verkünden. Keine Sorge, das ist kein Euphemismus für „irgendwann bis nie“. Denn, es läuft bei mir wieder. Endlich.

6 Kommentare

  1. Hi Sandra,
    ein sehr schöner Beitrag von dir.
    Ähnlich gehts mir auch gerade, daher kam es genau richtig, das auch mal von einem anderen zu lesen. Der Punkt ist ja, dass man nicht das ganze Jahr durchpowern kann. Gut einige Duracellhasen können das, aber du und ich offenbar nicht und das muss dann auch völlig okay sein.
    Irgendwann kommt das wieder und dann klappts auch wieder mit der Jeans!

    • Liebe Judith,
      vielen Dank für die lieben und offenen Worte. Wie recht Du hast – ich finde es so schwer, zu erkennen, wann Pause gut und notwendig ist und wann es in Lethargie ausartet. Bei mir war eine Pause körperlich vonnöten, was ich total unterschätzt habe, war die mentale Blockade, die daraufhin erfolgt ist. Bei Dir stelle ich mir das auch schwierig vor, weil Du ja noch eine immense Vorbildfunktion hast durch Deine Funktion beim Run Club. Umso mutiger finde ich es, dass Du dazu stehst, wenn es halt gerade mal nicht läufst. Und Deinen Freund und andere dennoch anfeuerst. Ja, das wird wieder bei uns. Die Jeans darf noch eine Weile liegenbleiben, aber spätestens im Frühjahr ist sie fällig!

  2. Hi, ich finde diese Phasen ganz normal und auch wichtig. Denn nur aus diesen Besinnungsphasen wächst auch wieder das Feuer, mit dem man dann wieder richtig losläuft. Ehrlich gesagt sind mir eher die Leute suspekt, die das ganze Jahr oberhappy bei jeder Gelegenheit durchballern. Gut, meist sind das auch die Leute, die dann irgendwann über ihre spektakulären Sportverletzungen bloggen. Wir sehen uns dann beim Berlin-Marathon.

    • Hi Daniel,
      Danke! Ich kann zwar nur mit unspektakulären Sportverletzungen aufwarten, aber ich musste auch auf die harte Tour lernen, was es bedeutet, nicht auf seinen Körper zu hören. Vielleicht gerade deshalb hab ich es jetzt dieses Mal mit dem „Ausruhen“ etwas zu weit getrieben. Bin ich froh, dass das Feuer, wie Du richtig sagst, wieder anfängt zu lodern. Bis September, frohes Trainieren! 🙂

  3. Liebe Sandra,
    Dich gerade bei Facebook gefunden…
    das ist ein ganz wunderbarer Beitrag über Phasen die ich mittlerweile für ganz normal halte… uns wir leider zu oft suggeriert, dass wir immer höher schneller weiter agieren sollen. Aber woher kommt die Kraft ohne diese Momente der Ruhe?
    Vielleicht kommen wir aber jetzt auch in ein Alter, wo man nicht mehr hetzen muss… relativ gefestigt im Job und im Leben, eine Vorstellung davon was man will und was nicht…
    Ich wünsche Dir wunderschöne Weihnachten im Kreise deiner Lieben, aber auch stille und besinnliche Momente und ich drück Dir ganz fest die Daumen für den Marathon… ich hoffe, Du wirst hier darüber berichten 😊
    LG Julia

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